Der alte Mann und die hilfsbereite junge Frau

Sie näherte sich der Straßenbahnhaltestelle, eine Zigarette in der Hand. Es war bereits dunkel und ein ruhiger Bezirk, deshalb waren die Straßen leer, deshalb wartete dort noch niemand. Das Wartehäuschen war beleuchtet, sie sah dort auf der Bank einen alten Mann sitzen. Beim Näherkommen stellte sie fest: ein Sandler, setzte sich ebenfalls auf die Bank und rauchte. Der Mann war für einen Sandler nicht sehr schmutzig, und, wie sich herausstellte, kaum betrunken. „Fährt diese Straßenbahn zum Bahnhof?“. „Nein, aber wenn Sie am Ende vom Viadukt aussteigen, sind es nur ein paar hundert Meter zum Bahnhof.“. „Danke, danke vielmals!“. „Treffen Sie am Bahnhof Ihre Kollegen?“. „Ja, mein Kollege wartet dort auf mich.“ „Haben Sie vielleicht ein…?“. „Ein paar Cent?“. „Nein, eine Zigarette.“. Sie kramte in ihrem Rucksack, gab ihm zwei und leerte das Münzfach ihrer Geldtasche. Nur zwei kleine Münzen, dreißig, vielleicht vierzig Cent, fielen heraus. Sie gab sie dem alten Mann. „Na, mehr habe ich leider grade nicht.“ Dann fischte sie noch eine Dose Red Bull aus dem Rucksack und gab sie ihm. „Das können Sie vielleicht brauchen, als Stärkung auf dem Weg zum Bahnhof.“. „Danke, danke, oh, vielen Dank.“ Bald kam die Straßenbahn. Die junge Frau bemerkte, wie schwer dem Alten das Gehen fiel, eher hinkte stark. Hätte sie die Straßenbahn nicht aufgehalten, hätte er sie verpasst. Sie stützte ihn, half ihm einzusteigen und setzte ihn auf eine Bank gleich bei der Tür, setzte sich selbst gegenüber. „Was ist mit Ihren Beinen passiert?“. „Ein Schädelbasisbruch und eine halbseitige Lähmung. Es war ein Autounfall, meine Frau und meine Tochter sind dabei gestorben. Und ich – ich habe ein schlechtes Gewissen, dass ich noch lebe.“ Er sah sehr unglücklich aus. Eine kurze Pause, dann: „Ich bin ein Sandler“. „Ja mei… haben Sie eine Unterkunft für heute Nacht?“. (Sie sah sich schon nach einem Platz in der Notschlafstelle, in der städtischen Herberge oder sonstwo suchen.) „Ja, ich kann bei meinem Kollegen schlafen.“.
Sie stieg mit ihm aus, trotz seines Protests. „Ich habe es nicht eilig und der Weg zum Bahnhof ist für Sie allein zu weit. Ich kann die nächste Bahn nehmen.“. Warum er wohl keine Krücken hat, fragte sie sich. Sie fasste ihn wieder unterm Arm, bemerkte, dass er sich kaum aufzustützen wagte, und ermunterte ihn: „Stützen Sie sich nur ordentlich auf, ich bin kräftig.“. Alle paar Schritte mussten sie stehenbleiben. „Ich sitze tagsüber oft vor einem großen Supermarkt. Dort kommt jeden Tag ein kleines Mädchen mit ihrem Vater vorbei, und ich gebe ihr immer ein, zwei Euro.“. „Aber Sie haben doch selbst nichts!“. „Ach, das macht nichts.“. Etwas später: „Zu Weihnachten ist sie zu mir gekommen mit einem Sackerl voller Kekse. Ich habe gesagt: Iss sie doch selbst! Und sie hat gesagt: Nein, die sind von der Mama für Sie, die Mama will nicht, dass ich sie esse.“. „Na sehen Sie, es gibt gute Menschen. Und Sie waren nett zu dem Mädchen.“. „Ja, aber die meisten denken: eh nur ein Sandler.“. „Ja mei.“. Sie warteten an der Ampel auf Grün. „Sagen Sie doch du zu mir.“. „Das kann ich nicht. Es ist eine Sache des Respekts, Sie sind älter als ich, und Sie siezen mich ja auch.“. „Aber Sie sollen du sagen!“. „Das kann ich nicht.“. Sie überquerten die große Straße. Noch ein paar hundert Meter bis zum Bahnhof, leicht bergauf. Auf der anderen Straßenseite trat ein etwas jüngerer Mann aus dem Dunkel, er ging dem alten Mann und der jungen Frau entgegen. „Sind Sie sein Kollege?“. „Ja, und ein bisserl sein Papa auch.“ Er trug eine kleine Plastikschüssel mit einem Nudelgericht vom nächsten Imbissladen in der Hand. Diese Schüssel wollte er seinem älteren Kollegen übergeben. „Essen Sie Ihre Nudeln, bevor sie kalt sind.“. Doch der Alte wollte davon nichts wissen, er bedankte sich unablässig bei der jungen Frau, gab ihr Handküsse – und schließlich, bevor sie ihn daran hindern konnte, kniete er vor ihr auf dem Gehsteig. Sie konnte das nicht ertragen. „Lassen Sie das, knien sollen die Katholiken in der Kirche, sonst niemand.“. Der Alte machte keine Anstalten aufzustehen, also kniete sie ebenfalls nieder. „Es ist schon ok, es ist ja nur eine Kleinigkeit gewesen, und ich habe gerade Zeit gehabt zu helfen.“. Schließlich ließ er sich doch von seinem Kollegen wieder auf die Beine stellen. Sie gab ihm die Hand, verabschiedete sich und ging zur nächsten Straßenbahnhaltestelle.