Der Charakterhändler

Stell dir vor, was neulich passiert ist. Ich bummelte (vorweihnachtliche Einkäufe) durch innsbrucks Straßen. Es war ein nebliger Spätnachmittag, ich fröstelte etwas. Wenige Leute waren auf der Straße, merkwürdig, war ich mir doch sicher, mich in der Nähe des Zentrums zu befinden.
Plötzlich ließ mich das Aufheulen eines Automotors zusammenzucken. Die Scheinwerfer des vorbeifahrenden Wagens streiften mich, ich kniff die Augen zusammen, um nicht geblendet zu werden. Das Auto fuhr mit röhrendem Auspuff davon. Durch dieses unerwartete Geräusch aufgeschreckt sah ich mich um – wo war ich eigentlich? Der Name der Straße war mir fremd, ich musste schon ein Stück weit gegangen sein, ohne mir den Weg zurück zu merken. Wie komme ich jetzt heim? Die Dämmerung wirkte mit einem Mal bedrohlich. Ich ging schneller, geradeaus. In einiger Entfernung sah ich ein gelbes Leuchten – näherkommend las ich, was da auf der Geschäftstafel stand: „Charaktere, neu und gebraucht; auch Tausch möglich.“
Wunderbar, dachte ich; ich ging die drei Stufen hinauf, die zur Eingangstür führten, und trat ein. Ein alter Mann stand hinter dem altmodischen hölzernen Verkaufstisch. Er stand leicht vornübergebeugt neben der Kassa, hinter ihn Schubkästen. Eine Neonröhre an der Decke schrillte, aber er beachtete den durchdringenden Ton nicht. Sein Gesicht war grau wie der Mantel, den er trug, da es im Laden fast gleich kalt war wie draußen. Das Kinn hatte er im Aufschlag des Mantels vergraben; seine Augen waren auch grau und gleichgültig. Er war schlecht rasiert, die tiefen Falten entlang der Wangen ließen ihn verbittert aussehen. Ich grüßte ihn vorsichtig, auch seine Antwort klang gleichgültig und verbittert: „Sie wünschen?“ Ich antwortete: „Ich würde gerne einen besseren Charakter haben. Hätten Sie vielleicht einen? Was haben Sie im Lager?“
„Ach, wissen Sie, ich habe einige Charaktere von Toten hier – (er deutete auf den Schubladenkasten hinter sich) – aber das kann ich nicht empfehlen. Erstens sind Sie jung, und die Charaktere von Alten sind abgetragen.“
„Warum führen Sie Charaktere von Toten?“ wollte ich wissen.
„Nun, sie bekommen einen Obulus von mir, wenn sie sich testamentarisch verpflichten, mir nach ihrem Ableben ihren Charakter zu überlassen. Deshalb geben sie ihre Charaktere gern her. Was sollten sie nach dem Tod auch damit? Ich kann Ihnen recht günstig den Charakter eines Rentners anbieten, der voriges Jahr einsam an einem Herzinfarkt starb; allerdings war er sehr geizig. Dann wäre da noch der Charakter einer krebskranken Frau, der eines jungen Mannes, der bei einem Autounfall starb, oder wollen Sie lieber den einer 43-jährigen Buchhalters? Der lebt noch, er hat seinen Charakter nur gegen einen anderen getauscht.“
Aber die Preise für Charaktere waren unglaublich hoch. „Und tauschen?“ fragte ich. Das Gesicht des Alten verfinsterte sich – „Nein, Ihren Charakter nehme ich nicht in Tausch. Den will ja niemand – den werde ich nie wieder los.“ Ich drehte mich um und ging schnell.