Der Dienstmädchenparagraph

Wien, 1875.
Hunderte Dienstmädchen arbeiten in Bürgerhaushalten. Sie kommen aus Gramatneusiedl, Gallneukirchen oder aus der Vorstadt. Sie schlafen nachts in kleinen Kammern, führen von frühmorgens bis abends die Anordnungen ihrer Herrin aus, wenn der Hausherr heimkehrt begrüßt er die hübschen unter ihnen mit einem Griff ans Mieder oder mit einem Klaps auf den Hintern. Das darf die Gnädige aber nicht sehen, sonst droht die Entlassung.
Eine der Aufgaben der Dienstmädchen ist das Fensterputzen. Mindestens einmal wöchentlich müssen die doppelflügeligen Fenster der herrschaftlichen Wohnung gewienert werden. Die Innenflügel zu putzen ist leicht. Das Dienstmädchen steigt auf einen Schemel, um die oberen Scheiben erreichen zu können. Schon bald glänzen die Scheiben, das Dienstmädchen dreht die Fensterflügel um das Licht in unterschiedlichen Winkeln einfallen zu lassen und poliert die letzten Schmutzstreifen weg. So, jetzt schnell noch die Außenflügel, danach muß ja noch der Boden gewischt werden und die Türen gewaschen, also wendet sich das Dienstmädchen den Innenseiten der äußeren Flügel zu. Die Außenseite dieser Flügel zu putzen ist schwierig, denn damals gingen die Fenster nach außen auf. Aushängen kann das Dienstmädchen die Fensterflügel nicht, denn dazu sind sie viel zu schwer und sperrig. Also muß das Dienstmädchen aufs Fensterbrett steigen, einen der äußeren Flügel schließen, den anderen öffnen. Sie lehnt sich durch das offene Fenster nach außen und hält sich mit einer Hand am Fensterkreuz, das die Oberlichte von den Flügeln trennt, fest. Die schmale Hand klammert sich um den Holzbalken. In der anderen Hand hält sie den nassen Putzlappen. Sie wirft einen Blick nach unten. Drei Stockwerke unterhalb sieht sie das Kopfsteinpflaster des Gehsteigs, ein paar Passanten gehen vorbei. Ihr wird etwas schwindlig, die sichernde Hand am Fensterkreuz greift noch fester ums Holz. Nein, sie braucht keine Angst zu haben, sie steht stabil. Sie lässt den Blick die Straße entlang wandern, bald wird der gnädige Herr aus dem Bureau kommen, die Sonne senkt sich schon langsam zum Horizont. Also schnell zurück zur Arbeit! Sie beginnt die äußeren Scheiben zu polieren, reibt mit dem feuchten Tuch über die glatte Oberfläche, reibt an einem Fleck. Sie bückt sich um das Tuch in dem Kübel, der auf dem Fensterbrett steht, auszuwaschen. Es ist gar nicht leicht, das Tuch in dem Kübel mit einer Hand auszudrücken, aber sie wagt es nicht den Fensterrahmen loszulassen. Ein paar Tropfen Seifenwasser spritzen über den Kübelrand hinaus. Das Dienstmädchen richtet sich wieder auf und lehnt sich aus dem Fenster. Sie fährt mit ihrer Arbeit fort.
Ihr Dienstherr kommt die Straße entlang spaziert, mit der Aktentasche in der Hand. Er genießt die Abendsonne, zieht ab und zu den Hut. Er denkt an den Nachmittag im Büro zurück. Die Verhandlung mit Herrn Hofrat Obermair war erfolgreich, jetzt geht er nach Hause und freut sich auf den Feierabend. Er ist Verwaltungsbeamter, geachtet, jovial und meist freundlich. Das Dienstmädchen seiner Gattin, das drei Stockwerke über ihm die Fenster putzt, sieht er nicht. Sie ist in ihre Arbeit vertieft, schnell, schnell, sie muß fertig werden.
Plötzlich rutscht ihre Hand, mit der sie sich am Fensterkreuz festhält, ab. Sie lässt den Putzlappen fallen und versucht das Gleichgewicht wiederzufinden, greift mit beiden Händen nach dem rettenden Balken, aber es ist zu spät: Sie hat keine Zeit mehr zu schreien; ihre Füße gleiten auf dem feuchten Fensterbrett aus und noch bevor sich die Angst in ihren Gesichtszügen wiederspiegeln kann stürzt sie zwölf Meter in die Tiefe. Sie fällt genau in dem Moment, als ihr Herr unter dem Fenster vorbeigeht. Der schmale Körper des Dienstmädchens fällt auf den Kopf des Verwaltungsbeamten. Die beiden sind sofort tot.
Solche Unfälle ereigneten sich häufig. Erschrockene Hausfrauen erzählten abends ihrem Ehemann: Stell dir vor was heute passiert ist, unser Mädchen fiel beim Putzen aus dem Fenster. Ich bekam gleich meine Migräne. Verschreckte Bürgerkinder fanden beim Spielen die zerschmetterte Leiche eines Dienstmädchens im Hinterhof. Eine andere Hausfrau erschrak sich sehr, als ein Dienstmädchen aus einem höhergelegenen Stockwerk an ihrem Fenster vorbeifiel. Dieser Schrei, versicherte sie, verursache ihre Alpträume.
Daher erregten diese Vorfälle das Interesse der Öffentlichkeit. Etwas musste geschehen, das sahen nun auch die Beamten der Baubehörde ein. Daher wurde nach einigen Sitzungen der § 413a der Wiener Bauordnung erlassen. Von nun an mussten die äußeren Flügel der Doppelfenster nach innen aufgehen, um dem Bürgertum das Erschrecken und das Erschlagenwerden durch fallende Dienstmädchen zu ersparen.
Dieser § 413a wurde von den obersten Beamten der Baubehörde beschlossen und durch die Unterschrift des Hofrates Mitteregger bestätigt. Die Beamten und Handwerker, die diesen Erlaß umzusetzen hatten, nannten ihn unter sich den Dienstmädchenparagraphen.

Diesen Text habe ich geschrieben, nachdem ich gelesen hatte, dass für das Verbot der Kinderarbeit ausschlaggebend war, dass immer weniger junge Männer wehrdiensttauglich waren, da sie sich bereits als Kinder kaputtgearbeitet hatten. (Siehe Bernt Engelmann, Wir Untertanen, Fischer Taschenbuch Verlag 1974, S. 90)