Der kleine Andi und sein kleines Stück vom Regenbogen

Der kleine Andi wohnte in einem tristen Stadtviertel im siebten Stock eines Hochhauses, von dem stellenweise der Putz abbröckelte.
Seine Eltern waren tagsüber in der Arbeit, abends sahen sie fern, tranken Bier und stritten sich jeden zweiten Tag. Manchmal war seine Mutter, manchmal war sein Vater arbeitslos, dann seufzten sie oft, tranken mehr Bier und stritten jeden Tag. Der kleine Andi teilte sich ein Zimmer mit seinem großen Bruder Michi. Michi war zwei Jahre älter als Andi und schlief im oberen, Andi im unteren Teil des Stockbetts.
Andi verbrachte viel Zeit damit, aus dem Fenster zu sehen. Hinauf zum Himmel – er beobachtete stundenlang die vorbeiziehenden weißen oder grauen Wolken, versank im intensiven Blau des Sommerhimmels und im Blassblau des Herbsthimmels, sah den Regentropfen und den Schneeflocken beim Fallen zu. Manchmal legte er sich bei schlechtem Wetter auf das Bett, betrachtete nur die kleinen Rinnsale außen auf der Fensterscheibe und lauschte dem Trommeln der Tropfen auf das metallene Fensterbrett. Er versuchte ganze Nachmittage lang, Regelmäßigkeiten in dem Muster, das die Regenbächlein auf das Fenster malten, zu erkennen. Nie fand er eine solche Regelmäßigkeit, aber das störte ihn nicht.
Besonders bei Nebel starrte er auch hinunter auf die große Straße. Die Autos fuhren langsamer als sonst, ihre Farben wirkten durch das Grau rundherum gedämpft, auch bei gekipptem Fenster hörte man sie kaum. Andi steckte die Nase in den Fensterspalt und sog genüsslich die kühle feuchte Luft ein. Die Zentralheizung wärmte dabei seine Beine.
„Stehst du schon wieder da und starrst Löcher in die Luft? Mach das Fenster zu, es wird kalt!“ Sein großer Bruder hatte kein Verständnis für Andis „Träumereien“, wie er es nannte. Nicht einmal die riesigen flauschigen Quellwolken, die im Abendlicht leuchteten, wollte er ansehen. „Langweiliges Zeug“, sagte er und legte sich auf das obere Bett, um Comics zu lesen.
Der Alltag der Brüder war eintönig – vormittags Schule, zu Mittag ein paar Brote, manchmal mit Wurst und Käse, öfter mit Margarine, vor allem in der zweiten Monatshälfte. Dann Hausübungen machen, sonst gab es abends Geschrei und Ohrfeigen, danach streifte Michi oft mit seinen Freunden im öden Innenhof oder im Einkaufszentrum umher oder sah im Wohnzimmer fern. Andi stand meist am Fenster. Er fühlte sich allein, auch wenn seine Eltern abends da waren. Der nächtliche Himmel tröstete ihn nicht. Er wusste nicht, dass er einsam war.
Die Brüder bekamen wenig Taschengeld, gelegentlich vergaßen die Eltern auch darauf. Andi und Michi wagten nicht nachzufragen, weil sie Schläge befürchteten. In den Sommerferien ging Michi manchmal ins Freibad und nahm Andi mit. Stolz ging Andi neben Michi, bei jeder Kreuzung blieb er stehen und wartete, bis Michi sagte: „Jetzt können wir hinübergehen.“ Michi traute sich, vom Zehnmeterbrett zu springen, Andi bewunderte ihn dafür. Er selber planschte gerne, räkelte sich im Wasser, ließ sich, wenn nicht zu viele Leute im Becken waren, einfach treiben, machte unter Wasser Purzelbäume, von denen ihm angenehm schwindlig wurde, ging auf dem Bassinboden auf den Händen, bis er mit knallrotem Kopf wieder auftauchen musste, und wenn er zu Atem gekommen war, schöpfte er mit beiden Händen klares Wasser und sah zu, wie es langsam zwischen seinen Fingern durchsickerte.
Michi übte währenddessen Kopfsprung, versuchte auch Saltos, erlernte Kraulen und Rückenschwimmen auf eigene Faust. Andi konnte nur Brustschwimmen und war damit zufrieden.
Dann saßen sie mit Gänsehaut und blauen Lippen auf dem Rasen und ließen sich von der Sonne trocknen. „Komm, wir holen uns Eis“, sagte Michi jedesmal. Und er lud Andi ein. Deshalb schmeckte Andi das Eis doppelt gut, er zog den Genuss in die Länge, leckte so langsam an seinem Eis, dass es schmolz und über seine Finger rann, er leckte die klebrige Flüssigkeit von seinen Händen.
Sehr selten, höchstens zwei Mal pro Jahr, sah Andi von seinem Beobachtungsposten am Fenster aus einen Regenbogen. Das waren seine schönsten Stunden, besser als ein Nachmittag im Freibad. Ganz unten ein violetter Streifen, dann sattes Dunkelblau, das ans Meer erinnerte und in zartes Hellblau überging, Grün und Gelb wie Wiesen und Löwenzahnblüten und oben strahlendes Rot, das Andi immer an die Ostereier erinnerte, die seine Oma ihm und Michi jedes Jahr schenkte. An einem Junitag, als der erste Regenbogen des Jahres leuchtete, beschloss Andi, den Anfang des Regenbogens zu finden. Er merkte sich die Richtung, zog die Schuhe an, fuhr mit dem Lift sieben Stockwerke nach unten und ging los. Stunden später, die Stadtgrenzen hatte er längst hinter sich gelassen, stand er am Fuße des Regenbogens. „Ist das jetzt wirklich der Anfang des Regenbogens? Oder das Ende?“ Erst jetzt fiel ihm das Märchen ein, laut dem am Ende des Regenbogens ein Kübel voll Gold stehen sollte. Er blickte sich um – kein Gold weit und breit. Also musste es tatsächlich der Anfang des Regenbogens sein. Er trennte vorsichtig ein kleines Stück aus dem Regenbogen. Es enthielt alle Farben. Der kleine Andi rollte sein Stück Regenbogen auf und klemmte es unter den Arm. Bevor er sich auf den Heimweg machte, sah er den Regenbogen noch einmal genau an – er war unversehrt, das Stück, das Andi herausgetrennt hatte, war sofort wieder nachgewachsen.
Zu Hause versteckte er sein kleines Stück Regenbogen unter dem Leintuch. In dieser Nacht schlief er tief und sorgenlos. Am folgenden Sonntag waren die Brüder bei der Großmutter zu Besuch. Michi spielte mit den Nachbarskindern Fußball, Andi war mit der Großmutter allein. Er zeigte ihr das kleine Stück Regenbogen und bat sie, ihm einen Polsterbezug daraus zu nähen. „Ja, bis zu eurem nächsten Besuch mache ich das gerne für dich.“ antwortete die Großmutter.
Sie kaufte auch ihm auch ein kleines Kissen, mit dem sie den Regenbogenbezug füllte. Glücklich trug Andi sein Regenbogenkissen nach Hause. Abends gab es wieder einmal Streit zwischen den Eltern. Der kleine Andi legte sich auf das Bett mit dem Kissen unter dem Kopf. Die lauten Stimmen der Eltern wurden plötzlich leiser. Kurze Zeit später begann es zu regnen, dann ging der Regen in Hagel über und das Tock-Tock-Tock der Hagelkörner auf dem metallenen Fensterbrett übertönte sie vollständig. Andi wurde ganz ruhig und schlief ein. Sein Bruder lag wie immer über ihm, er hatte sich vor ein paar Monaten Ohropax gekauft und konnte deshalb ebenfalls schlafen.
Der kleine Andi wurde größer, bald wurde er nicht mehr „der kleine Andi“ genannt, weil er seine Klassenkollegen um einen halben Kopf überragte. Er erlernte einen Beruf und zog von zu Hause aus, sein Bruder ebenso. Das Regenbogenkissen nahm Andi natürlich mit. Und jedes Mal, wenn er bedrückt war oder Angst oder Kummer hatte, legte er sich auf sein Bett und seinen Kopf auf das Kissen. Er wusste mittlerweile, dass er einsam war, aber dieses traurige Gefühl verschwand jedes Mal, wenn er sich in sein Kissen schmiegte. Er schlief ruhig ein und wachte gestärkt auf. Das gab ihm die Kraft, Freunde zu finden, sich zu entfalten, bald war er nicht mehr allein und das Gefühl der Einsamkeit wurde seltener. Wenn es ihn doch manchmal überkam, half ihm das Regenbogenkissen darüber hinweg.