Die Brotverkäuferin

Mo – Fr 6.30 bis 12.00
15.00 bis 18.00
Sa 6.30 bis 12.00

steht auf dem Pappschild, das an der Eingangstür der Bäckerei hängt.
Hinter dem Tresen steht eine zierliche kleine Frau um die 50. Sie trägt einen weißen Kittel, aus dem nur der Kragen ihrer Bluse herausragt; ihre Haare sind praktisch-kurz geschnitten, was ihren kindlichen Gesichtsausdruck noch unterstreicht. Auch die grauen Strähnen, die das Mattbraun durchziehen, machen sie nicht erwachsener, sie wirkt dadurch nur ältlich. Ihr Aussehen passt zur Einrichtung des Ladens: etwas altmodisch, in gedeckten Farben, alles ist sehr ordentlich.
Kommt eine Kundschaft herein, grüßt sie: „Guten Morgen, guten Morgen! Grauenvolle Kälte heute, nicht?“ Man geht zum Verkaufstisch, legt die Tasche ab, die Tür fällt zu. Mit ihrer hohen Stimme fragt sie dann: „Bitte, was darf’s sein?“ – eine Nußschnecke, eine Apfeltasche und eine Packung Saft – sie packt die Ware mit eifrigen, geübten Bewegungen in kleine Papiersäcke und Pakete, die sie ordentlich zufaltet. „Darf’s sonst noch was sein? Vielleicht ein Nußkipferl, die hätte ich gerade im Angebot? – Soo, das wären dann eins-dreißig und 85 Cent für das Safterl… das wären dann genau 2 Euro und 15 Cent, wenn Sie so lieb wären…“ – sie reicht das Päckchen über den Tresen, lächelt und lässt die Hand auf der Glasplatte liegen in Erwartung der Münzen. „Hätten Sie vielleicht die 15 Cent in klein? Nein? Das macht nichts, aber: danke vielmals, dass Sie nachgeschaut haben!“ Man verstaut die Einkäufe in der Tasche und wendet sich zum Gehen. Während der zwei Schritte zur Tür redet sie weiter: „Und lassen Sie sich’s gut schmecken! Warten Sie, ich mach‘ Ihnen die Tür auf! So, auf Wiedersehen!“
Sie arbeitet schon seit Jahren in dieser Bäckerei, seit dem Tod ihres Mannes. Seit damals steht sie in diesem Laden, montags bis freitags von morgens bis abends, samstags nur vormittags. Kinder hat sie keine, ihre Nachbarn grüßt sie freundlich, hat sonst aber keinen Kontakt zu ihnen. Abends, nachdem sie die Geschäftstür abgesperrt hat, räumt sie noch auf. Sie wischt den Tresen sauber, kehrt und wischt den Boden, ordnet die übriggebliebenen Brote, die am nächsten Tag zu halben Preis angeboten werden, und trägt das übriggebliebene Kleingebäck in den Keller. Dort lagert sie auch alles, was sie für den Abend noch braucht – ein Set mit scharfgeschliffenen Messern, ein Springmesser, hochprozentige Salzsäure in einer großen Glasflasche, eine handliche Pistole. Diese Dinge verwahrt sie in einem versperrten Schrank im Winkel. Die Verkäuferin entriegelt das Schloß und räumt drei Messer, die Pistole und ein ordentlich in weißes Papier gewickeltes Päckchen in ihre Handtasche. Sie steht auf, ein viertes scharf geschliffenes Messer in der Hand. Ein geübter Schwung der weichen Hand – und das Messer fliegt quer durch den Raum; die Klinge bleibt im Türstock stecken, der Griff zittert leicht. Die Frau lächelt. Sie zieht den Arbeitskittel aus, richtet den Kragen ihrer braunrot geblümten Bluse und verlässt den Raum mit der Tasche unterm Arm. Kurz darauf geht sie die Straße hinauf und biegt in einen Hinterhof. Sie zieht das Päckchen aus der Tasche und wartet einige Minuten lang.
Dann huscht ein Schatten durch das Tor. Der Austausch von Ware gegen Geld vollzieht sich in Sekunden. Im Schein einer winzigen Taschenlampe überprüft sie die Banknote: 50 Euro für ein Gramm, stimmt genau. Die freundlichen Floskeln, das diensteifrige Lächeln fehlen. Sie grüßt nicht einmal. Der Schatten entfernt sich ebenfalls schweigend. Dieser Vorgang wiederholt sich in der folgenden Stunde noch zwei, drei Mal. Dann geht sie mit ihren kleinen Schritten zurück zur Bäckerei. Sie verstaut die Waffen und das Päckchen im Schrank, dann schließt sie den Schrank ordentlich, dreht sorgsam alle Lichter ab und wirft im Vorbeigehen noch einen Kontrollblick in das Geschäftslokal, bevor sie das Haus abermals verlässt. Sie fährt mit ihrem Kleinwagen nach Hause, isst ein Milchbrötchen mit Kakao zu Abend und sieht noch ein wenig fern. Bevor sie schlafen geht, versteckt sie das eingenommene Geld unterm Schrank. Nur einen 50-Euro-Schein behält sie in der Geldtasche.
Am nächsten Vormittag gegen 10 Uhr hängt sie das Schild „Komme gleich“ an die Eingangstür und sperrt sie von draußen ab. Sie trippelt über die Straße und betritt eine Bankfiliale. „Grüß Sie Gott, der Herr! Bitt’schön, könnten Sie mir das an die Kinderkrebshilfe überweisen?“ Sie füllt den Überweisungsschein aus und reicht dem Bankbeamten den 50-Euro-Schein. „Danke, danke vielmals“ sagt sie und nimmt den Beleg entgegen. Auf dem Rückweg zur Bäckerei kauft sie sich noch die „Auto-Revue“. Darin wird sie blättern, während sie auf Kundschaft wartet. Sie wird von dem roten offene Cadillac träumen, sie wird von einer Spritztour ans Meer träumen, vielleicht in diesem blau glänzenden Sportwagen? Oder vielleicht dieser Renault 467, der hat so viel Stil, denkt sie sich.
Durch ein Geräusch aufgeschreckt blickt sie auf; ihr Blick fällt durch die Schaufensterscheibe auf die Straße. Sie wird diese Autos nie fahren, fällt ihr ein, und ihren Urlaub wird sie weiterhin mit Spaziergängen am See verbringen; ihr einziges Vergnügen wird weiterhin die monatliche Überweisung an wohltätige Organisationen sein; mal ist es die Kinderkrebshilfe, mal ein Heim für Leprakranke in Namibia: sie bewahrt die Belege sorgfältig in dem Versteck unterm Schrank auf.
Eine Kundschaft betritt den Laden. Die Verkäuferin schiebt schnell die „Auto-Revue“ unter den Tresen. „Guten Morgen, grüß‘ Sie Gott! Ein herrlicher Sonnentag, nicht? Leider trotzdem kalt! Bitte, was darf ich Ihnen geben? Sehen Sie, die Topfenkolatschen hätt‘ ich im Angebot für nur 80 Cent!“ – Sie wickelt einen Laib Schwarzbrot und zwei Kolatschen in weißes Papier und reicht die Päckchen über den Tresen. „So, das macht einen Euro siebzig für das Brot und zweimal 80 Cent für die Kolatschen – das sind genau drei Euro und dreißig Cent, wenn Sie so lieb wären – hätten Sie vielleicht die 30 Cent in klein? Danke schön, danke! – Auf Wiedersehen, warten Sie, ich halt‘ Ihnen die Tür auf, auf Wiedersehen, auf Wiedersehen!“

Anmerkung: Diese Geschichte ist fantastischer Realismus. Was ist fantastisch, was real?
Hilfestellung: Die Brotverkäuferin gibt es tatsächlich.