Einkommen: vom Brutto zum Netto in Österreich - an alle jammernden Hocheinkommenserhalter

„Ich zahle 50 % Steuern!“ Dieses Gejammer von Menschen mit hohem Einkommen (ich wollte eigentlich schreiben: gutverdienende Menschen, aber dann ist mir eingefallen, dass das Verb „verdienen“ zweideutig ist – es bezeichnet ja einerseits „Einkommen erhalten“, andererseits aber auch „etwas bekommen, das einem zusteht“; und es ist sehr fraglich, ob alle, die im ersteren Sinne viel verdienen, das auch im zweiteren Sinne verdienen) kann ich nicht mehr hören.
Es stimmt nämlich einfach nicht. Könnt ihr Jammerer denn nicht prozentrechnen? Wenn ihr recht hättet, müsste bei der Rechnung:
(Bruttogehalt – Nettogehalt) : Bruttogehalt x 100
wirklich 50 % herauskommen.
Das ist aber nicht der Fall, wie folgendes Beispiel zeigt. Angenommen, jemand bekommt 100.000 Euro brutto jährlich. Das ergibt – ohne Berücksichtigung von eventuellen individuellen Absetzbeträgen, darauf werde ich weiter unten eingehen – ein Nettogehalt von genau 60.163,74 Euro (alle Werte beziehen sich auf das Jahr 2014). Das ergibt eine Abgabenquote von:
(100.000 – 60.163,74) : 100.000 x 100 = 39,84 %,
also deutlich unter 50 %!
Und von diesen 39,84 % sind bei Weitem nicht alles Steuern. Darin sind auch die Sozialabgaben enthalten, die jeder Arbeitnehmer zahlt: Krankenversicherung für Angestellte 3,82 % (Arbeiter: 3,95 % , eine weitere Ungerechtigkeit, der Unterschied ist zwar sehr gering, was zählt ist jedoch, dass überhaupt noch immer ein Unterschied gemacht wird; auf die erfreulicherweise weitgehend erstrittene rechtliche Gleichstellung von Arbeitern und Angestellten und die leider noch immer bestehenden Unterschiede einzugehen, würde hier den Rahmen sprengen; den Hocheinkommenserhalter in meinem Beispiel betrifft das sowieso nicht, denn kein Arbeiter hat ein Einkommen von 100.000 Euro), Arbeitslosenversicherung 3 % , Pensionsversicherung 10,25 % (außerdem ist jeder Arbeitnehmer unfallversichert ). Das ist auch gut so, denn damit sind die Grundrisiken des Lebens abgedeckt, und das kostet eben. Dieses Geld wirft man ja nicht in den Wind, wir profitieren alle von diesen Versicherungen, wenn wir oder unsere Angehörigen krank, arbeitslos, alt werden oder einen Unfall haben.
Außerdem: von welchem Betrag bezahlt man diese Abgaben? Wir, die Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen, vom gesamten Brutto. Ihr, die Hocheinkommenserhalter, hingegen profitiert von der Höchstbeitragsgrundlage , die aktuell bei 63.420,00 Euro jährlich liegt. Ihr zahlt also nicht 3,82 %, 3 %, 10,25 % von 100.000 Euro, sondern von 63.420,00 Euro. Damit zahlt ihr – prozentuell – weniger Sozialabgaben als wir, die Klein- und Mitteleinkommenserhalter.
In Zahlen: 3,82 % von 63.420,00 Euro sind 2.422,64 Euro, 2.422,64 Euro sind wiederum nur 2,42 % von 100.000 Euro. 3 % von 63.420,00 Euro sind 1.902,60 Euro, das sind nur 1,90 % von 100.000 Euro. 10,25 % von 63.420,00 Euro sind 6.500,55 Euro, das sind nur 6,50 % von 100.000 Euro. Da wäre es eher an uns, uns zu beschweren! Immerhin, seit 2008 gibt es die Regelung, dass Kleineinkommenserhalter einen geringeren Prozentsatz für die Arbeitslosenversicherung zahlen müssen und dennoch arbeitslosenversichert sind. (Das sollte ich erwähnen, damit ich nicht selbst in die Kategorie Jammerer falle, in meinem Falle eben Kleineinkommensjammerer.) Aber das hilft den Kleineinkommenserhaltern nur wenig, und den Mitteleinkommenserhaltern gar nicht. Daher: Ich verstehe es schon eher, wenn sich die Mitteleinkommenserhalter, deren Einkommen unter der Höchstbeitragsgrundlage, aber teilweise im höheren Steuersatz liegt, ärgern.
So viel zu den Sozialabgaben, der Vollständigkeit halber erwähne ich noch die AK-Umlage (Arbeitnehmervertretung ist wichtig, deshalb bezahle zumindest ich das gerne) und den Wohnbauförderungsbeitrag (dessen Zweckbindung 2008 leider abgeschafft wurde, bis dahin habe zumindest ich das gerne bezahlt), die grundsätzlich je 0,5 % betragen, für den Hocheinkommenserhalter in meinem Beispiel jedoch – wiederum dank Höchstbeitragsgrundlage – nur je 0,27 %.
Nun zur Steuerbemessungsgrundlage. Diese berechnet sich bekanntlich grundsätzlich so: Bruttogehalt – Sozialabgaben,
außerdem gibt es noch den Pauschalbetrag für Sonderausgaben (60 Euro) und für Werbungskosten (132 Euro) , die jeder Arbeitnehmer ohne weiteren Nachweis absetzen kann. Wer Kinder hat, bezahlt weniger: es gibt einen – wenn auch geringen – Kinderabsetzbetrag und einen ebenfalls geringen Kinderfreibetrag und auch einen – wenn auch sehr geringen – Unterhaltsabsetzbetrag . Auch Kinderbetreuungskosten können von der Steuer abgesetzt werden – bis zu 2.300 Euro pro Kind und Jahr, also 191,67 Euro monatlich. Diese Regelung ist relativ neu – und ein guter Ansatz. Aber: ist das ausreichend? (Kinderbetreuung fällt in den Bereich Soziales und damit in den Bereich Landesrecht. Daher variieren die tatsächlichen Kinderbetreuungskosten je nach Bundesland – was ich, nebenbei bemerkt, unsinnig finde. Unterscheiden sich denn die Bedürfnisse und Möglichkeiten von Familien in Wien wirklich so sehr von jenen in Kärnten oder Vorarlberg? Dasselbe gilt natürlich für den gesamten Bereich Soziales, ebenso wie für alle anderen Bereiche, in denen die Länder Gesetze erlassen dürfen, von Bauordnung bis Tierschutz. Aber darauf im Detail einzugehen, hieße weit vom Thema abschweifen). Zurück zu den Kinderbetreuungskosten: Eine kurze Recherche ergab: Sollte man die Möglichkeit haben, sein Kind in einem öffentlichen Kindergarten unterbringen zu können, ja. Sollte man auf private Einrichtungen zurückgreifen müssen oder wollen, nein. (Was das für Hocheinkommenserhalter bedeutet und was für Klein- und Mitteleinkommenserhalter, brauche ich doch nicht weiter auszuführen?)
Nun werdet ihr, die Hocheinkommenserhalter, dagegenhalten, dass die Sozialabgaben ja die Steuerbemessungsgrundlage vermindern, eure Steuerbemessungsgrundlage also durch die prozentuell geringeren Sozialabgaben höher ist und ihr daher mehr Steuern zahlt. Richtig, aber: Kleineinkommenserhalter geben ihr Geld ausschließlich für Dinge des täglichen Bedarfs aus: Miete, Lebensmittel, meist auch Auto. Diese Kosten kann man nicht von der Steuer absetzen, außer eventuell in Form des Pendlerpauschales (siehe unten). Mitteleinkommenserhalter können vielleicht davon profitieren, dass Bausparen und Zukunftsvorsorge steuerlich begünstigt werden und sich irgendwann auf Kredit eine Wohnung kaufen oder auf die späteren Jahre hoffen.
Den Hocheinkommenserhaltern bleibt nach diesen Ausgaben noch einiges übrig, das sie in Dinge investieren können, die man von der Steuer absetzen kann, so z. B. in Wertpapiere, Immobilien etc.; sogar Steuerberatungskosten sind steuerlich absetzbar – hier beißt sich die sprichwörtliche Katze zwar noch nicht in den Schwanz, aber doch in ein paar Schwanzhaare. Als Klein- oder Mitteleinkommenserhalter leistet man sich keinen Steuerberater, das rentiert sich nicht. Erkundigt man sich beim Finanzamt, erhält man jedoch nur allgemeine Informationen. Ja, wirklich: das Finanzamt will verbindliche Steuererklärungen, gibt jedoch nur unverbindliche Auskünfte.
Zurück zum Steuersatz: richtig, der liegt – nach allen Abzügen – teilweise bei 50%.
Nota bene, teilweise, denn bis 11.000 Euro Steuerbemessungsgrundlage (Steuerbemessungsgrundlage, nicht brutto: siehe oben) bezahlt man keine Steuer, das ist auch gerechtfertigt, denn: 11.000 Euro Steuerbemessungsgrundlage ergeben (ohne weitere Abzüge) netto 941,83 Euro monatlich. Damit sollten sich wohl alle Fragen erübrigen. Wenn nein, empfehle ich allen Jammerern, auch nur einen Monat lang von diesem Betrag zu leben. Das geht natürlich, aber ihr seid das nicht gewöhnt. Seit einigen Jahren gibt es eine Art „Negativsteuer“ für sehr geringe Einkommen; man sieht: manchmal gibt es auch Verbesserungen in unserem Steuersystem. Diese „Negativsteuer“ wurde eingeführt, damit auch Menschen, deren Einkommen so gering ist, dass sie keine Steuern zahlen, von ein paar Steuervorteilen profitieren können. Das heißt: auch wenn man keine Einkommenssteuer bezahlt, kann man den Alleinverdiener- bzw. Alleinerzieherabsetzbetrag geltend machen, die staatliche Unterstützung für Pendler zumindest teilweise. Gleichzeitig soll diese „Negativsteuer“ ein kleiner Ausgleich für die Sozialabgaben sein: einen geringen Teil der Sozialabgaben erhält ein Niedrigeinkommenserhalter ebenfalls zurück. Wiederum: das ändert nicht viel. Aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung.
Für den Betrag zwischen 11.000 und 25.000 Euro Steuerbemessungsgrundlage (wiederum: siehe oben) bezahlt ein Hocheinkommenserhalter 36,5 % Steuern (das ist der Grenzsteuersatz, bekommt man weniger als 25.000 Euro, bezahlt man einen entsprechend geringeren Prozentsatz), für den Betrag zwischen 25.000 Euro und 60.000 Euro 43,2143 %. Und erst für alles über 60.000 Euro Steuerbemessungsgrundlage sind 50 % zu bezahlen. Außerdem werden der Verkehrs- und der Arbeitnehmerabsetzbetrag abgezogen, das sind in Summe 345 Euro. Der Hocheinkommenserhalter in meinem Beispiel bezahlt somit 28,47 % Steuern, bezogen auf das Bruttoeinkommen. Von 50 % ist das ziemlich weit entfernt.
Daher, an alle Hocheinkommenserhalter: Haltet euch bitte zurück mit dem Jammern. An alle jammernden linken Hocheinkommenserhalter: Denkt daran: Steuern, Sozialversicherungsbeiträge und andere Abgaben zahlen ist gelebte Solidarität. Seid doch stolz darauf, dass ihr einen größeren Beitrag an unsere Gesellschaft leisten könnt. An alle jammernden rechten Hocheinkommenserhalter: Was ich euch raten soll, weiß ich nicht, vielleicht: auswandern, das wäre auch besser für Österreich.

  Anhang:
Zum leichteren Verständnis: Vom Brutto zum Netto in Österreich

Bruttogehalt
- Sozialabgaben (bis zur Höchstbeitragsgrundlage)
- weitere Abzüge
= Steuerbemessungsgrundlage
- Steuer
- Absetzbeträge
= Nettogehalt