100 % aller Frauen sind essgestört

„100 % aller Frauen sind essgestört.“ Das hat ein alter Freund von mir neulich gesagt. Wer? Na, der Dr. Kienberger, der ehemalige Leiter der Psychosomatischen Klinik. Der hat jahrzehntelang jeden Tag mit dem Thema zu tun gehabt. Vor allem magersüchtige Mädchen, auch Bulimikerinnen. Und natürlich Adipöse. Aber vor allem eben Magersüchtige. Die Psychosomatik war immer voll mit knochigen Mädels, und im Lauf der Jahrzehnte sind es immer mehr geworden. Ich habe dann länger mit ihm über das Thema geredet, auch darüber, warum er diesbezüglich gleich alle Frauen in einen Topf wirft. Alle. Also auch seine Mitarbeiterinnen, die Pflegerinnen und die Psychiaterinnen, und seine Ehefrau genauso. Und das, was er gesagt hat, hat mich nachdenklich gemacht. Sensibilisiert, wie man heute sagt. Und ich habe angefangen, mich umzusehen. Gib mal in Google ein: „abnehmen“. Da kriegst du 21 900 000 Ergebnisse. Probiers mit „Feminismus“. 1 580 000 Ergebnisse. Weniger als ein Zehntel! Da siehst du, was frau heutzutage interessiert. Meine Freundin sagt dazu: „Früher hieß es: Wenn die bösen Buben locken, bleib daheim und stopfe Socken. Heute frage ich mich manchmal, ob bei dem ganzen Schlankheitswahn nicht Absicht dahinter steckt. Jaja, ich weiß schon, das klingt ein bisserl nach Verschwörungstheorie. Wer da – wenn überhaupt – dahinter steckt, keine Ahnung. Männer wahrscheinlich. Aber: Was ist die Message? ‚Kümmere Dich nicht um Zwangsverheiratung und Witwenmord in Indien, um Arbeitsbedingungen der Textilarbeiterinnen in Indonesien, um die Frage nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit in deinem eigenen Land! Kümmere Dich nur – um Deine Figur.‘ Klar, wenn frau nix als Kalorientabellen im Kopf hat, geht sie nicht auf Demos. Die Männer werden mit Computerspielen, Fußball und Youporn beschäftigt. Ein neues Biedermeier.“
Geh mal in den nächsten Drogeriemarkt. Milch-und-Honig-Haarschampon, Gesichtscreme mit Avocado, Bodylotion mit Kokosnuss, und das irrste, das ich gesehen habe: „Cremiger Duschschaum Chocolate Cupcake“. All das Zeug, das sich Frauen heute nicht mehr zu essen trauen, „weil das dick macht“, schmieren sie sich auf den Körper.
Geh mal in die nächste Trafik und schau dir die Cover der Frauenzeitschriften an. Die neue Frühjahrsdiät für die Bikinifigur, „Schnell schlank nach den üppigen Weihnachtsfeiertagen“, je nach Jahreszeit. In Kaffeehäusern liegen diese Zeitschriften oft auf. Blätter die mal durch! Das Megaproblem zur Urlaubszeit: Wie schaffe ich es, trotz üppiger Buffets im All-inclusive-Hotel nicht zuzunehmen, welche Schauspielerin hat neuerdings ein paar Kilo mehr um die Hüften, die neue Mode, die „Fettpölsterchen elegant kaschiert“, oder immer wieder: „Schlemmen Sie sich schlank! Die neue Gourmet-Diät“. Und dazwischen Werbung für „Das neue Einsteigerprogramm“ bei Weight Watchers, Slim-Fast-Pulver mit Geld-zurück-Garantie und Wunderpillen, die „schlank im Schlaf“ machen. Von den Werbeannoncen von Schönheitschirurg/innen ganz zu schweigen. Wieviel % des BIP werden eigentlich durch diesen Scheiß erwirtschaftet?!
Schau dich mal um, wie Frauen essen. Ein Magerjoghurt um elf Uhr, noch eines um drei, dann eine Tafel Schokolade um fünf, dafür streicht frau sich das Abendessen. Kennen Frauen eigentlich das angenehme Gefühl, pappsatt zu sein? Oder haben die immer, wenn sie sich satt essen, ein schlechtes Gewissen? Das Phänomen ist übrigens nicht ganz neu. Ich erinnere mich an eine Freundin meiner Mutter, das war vor fast 30 Jahren. Dauernd mit sich selbst unzufrieden, dauernd: „Ich habe zu viel gegessen!“ Nicht, dass sie dick war – sie war schlank und nicht schlecht proportioniert. Nur wenn man eine Viertelstunde lang genau hingeschaut hat, konnte man eventuell auf den Gedanken kommen, dass ihre Oberschenkel im Verhältnis zu ihrem übrigen Körper etwas üppiger waren. Und deshalb hat sie sich das Leben zur Hölle gemacht: Eine Diät nach der anderen. Die Eisdiät: Täglich ein Liter Speiseeis, egal welche Sorte, sonst nix. Die Apfel-Ei-Diät: ja, genau, Äpfel und gekochte Eier in beliebiger Menge, sonst nix. Und so weiter. Immerhin war sie auch manchmal selbstironisch: „Demnächst mache ich die chinesische Diät. Suppe und Pudding, so viel ich will, aber nur mit Stäbchen essen!“ Genützt haben die ganzen Diäten übrigens nix, ihre Oberschenkel sind nicht schlanker geworden. Beruflich war sie wenig erfolgreich, trotz guter Ausbildung. Viel gearbeitet hat sie auch. Ich frage mich, ob sie nicht schlicht Konzentrationsstörungen hatte wegen ihrem Diät-Tic. Ein weiteres Beispiel ist meine frühere Französischlehrerin. Sie war klein und mollig und sah aus wie ein Gnom. Sie war ewig schlechter Laune, man hatte den Eindruck, dass sie sich selbst nicht mag, und Französisch auch nicht. Entsprechend schlecht war ihr Unterricht, entsprechend wenig haben wir gelernt. Einmal hat eine Mitschülerin ein Referat über die französische Küche gehalten und ein paar Kostproben mitgebracht. Die Lehrerin lehnte Tarte Tatin und Quiche Lorraine ab mit den Worten: „Bin auf Diät, na, bin ich eh fast ständig.“ Hätte sie sich mit ihrer molligen Figur abgefunden – wer sagt denn, dass frau schlank sein muss? – wäre sie vielleicht eine bessere Lehrerin gewesen. Wozu das Ganze?! Auch zehn Kilo weniger hätten sie nicht zur attraktiven Frau gemacht. Nein, neu ist das Phänomen nicht. Es wird nur immer schlimmer. Mir fallen noch x andere Frauen ein, die ganz ähnlich drauf sind.
Interessant finde ich die Aussage einer berühmten amerikanischen Schauspielerin, den Namen habe ich vergessen. Man warf ihr vor, zickig, launisch, hysterisch zu sein. Sie sagte daraufhin nur, das sei kein Wunder, schließlich könne sie sich nie satt essen. Und fügte hinzu, dass es vielen weiblichen Stars so geht. Das bestätigt eine andere Schauspielerin: „Für mich sind Diäten normal.“ Seither sehe ich diese überschlanken Frauen auf der Leinwand mit anderen Augen. Kommt mir zu Ohren, dass wieder mal eine davon den Oscar gewonnen hat, denke ich mir nur: Meine Beste, wie gut würdest Du erst spielen, wenn Du normal essen würdest! Von den dürren Figuren auf den Laufstegen ganz zu schweigen. Ich finde die hässlich. Echt, würde eine von diesen Supermodels nackt in meinem Bett liegen, ich würde keinen hochkriegen. Ich finde Knochen nicht sexy.
Ja, klar, es gibt auch ein Schönheitsideal für Männer. Nein, wie ein Schauspieler sehe ich selbst nicht aus. Finde ich aber nicht so schlimm. Hindert mich nicht daran, Schweinsbraten und Tiramisu zu essen. Renne nicht dauernd ins Fitnesscenter oder in den Beautysalon. Bin nicht unglücklich wegen meinem Äußeren. Ich habe drüber nachgedacht, warum das so ist. Naja, wenn ich auf einem Werbefoto, in einem Hollywoodfilm, in der Sauna einen schlanken, großen, kräftig gebauten Mann sehe, setze ich das nicht mit meinem Aussehen in Verbindung. Und damit kratzt das auch nicht an meinem Ego. Ich meine, zu dick bin ich eh nicht, diesbezüglich das Schönheitsideal zu erfüllen ist für einen Mann leichter, denn es ist nicht so unrealistisch wie bei Frauen. Schlank sein genügt, dünn sein ist nicht nötig. Zwischen mir und den ach so schönen Männern ist eine unsichtbare Trennwand. Das abstrakte Ideal und dessen gelegentlich vorhandene reale Verkörperung haben wenig mit mir zu tun. Vor ein paar Jahrzehnten noch war das bei Frauen ähnlich, scheint mir. Die weiblichen Stars der 50er waren nicht unbedingt dünn – und nicht jede Frau fühlte sich verpflichtet, Vergleiche anzustellen und das Ideal selbst anzustreben. Diese Frauen wurden von Männern begehrt, von Frauen bewundert – aber nicht beneidet. Heute erhebt jede Frau an sich den Anspruch – und das wird auch von außen an sie herangetragen – dass sie ebenso schlank und schön sein soll wie die wenigen, die das unrealistische Ideal erfüllen. Heute und hier ist Essen im Überfluss vorhanden, das Schönheitsideal ist: megaschlank bis dünn, Eßstörungen sind eine Volksseuche (von der fast nur Frauen betroffen sind), na, alles kein Wunder.
Schau dich mal um im Supermarkt! „Light“, „kalorienreduziert“, „fettarm“, und neulich sah ich sogar: Sahnepudding light. Ehrlich! Ich habe dann das Kleingedruckte auf der Packung gelesen. Verdammt, das ist doch fast schon schizophren: Einerseits kann Essen gar nicht luxuriös genug sein, Sahne statt Milch als Basis für Pudding, andererseits wird dann Süßstoff hineingemischt, damit man das Ganze als „light“ bezeichnen kann! Außerdem, Sahnepudding?! Bei uns heißt das Zeug noch immer Rahm. Oder Obers. Natürlich war der Sahnepudding aus Deutschland importiert. Können wir unseren Pudding denn nicht selbst herstellen? Aber ich schweife ab.
Neulich wollte ich mir ein neues Handy kaufen. Habe also im Netz geschaut, und über was stolpere ich? Da war Werbung für ein „Handy extra für Frauen“. Hm, inwiefern brauchen Frauen andere Handys als Männer? Ich habe meine Freundin gefragt. Vielleicht ein integrierter Regelkalender, hat sie vermutet, das wäre praktisch. Ein Kalender, der anhand der gespeicherten Daten berechnet, wann die nächste Regel fällig ist, und rechtzeitig anzeigt: „Morgen früh nicht ohne Slipeinlage, Tampons und frische Unterhose aus dem Haus gehen!“ Nein, es ist – ein Handy mit integriertem Kalorienzähler! Meine Freundin hat gelacht und gesagt: „So ein Schwachsinn! Ich weiß zwar nicht genau, wofür ich auf der Welt bin, aber ich weiß, dass ich nicht auf der Welt bin, um dünn zu sein!“