Frauen essen nicht

Es war einmal eine Zeit, es ist gar nicht lange her, da durften Frauen noch essen. Kein unrealistisches, frauenfeindliches Schönheitsideal hinderte sie daran.
Ich will die Vergangenheit nicht idealisieren. Damals hungerten die Menschen oft, auch die Frauen, unfreiwillig. Doch immerhin: Frauen durften satt werden wollen, nahmen sich das Recht heraus, auf Demonstrationen nach Brot zu rufen, nicht nur für ihre Familien, auch für sich selbst. Die Frechheit bestand darin, dass demonstriert wurde, nicht darin, dass auch Frauen Essen forderten. Das gilt in Ländern, in denen es zu wenig zu essen gibt, auch heute noch.
Die bürgerlichen Frauen im Europa des 19. Jahrhunderts durften im Lauf ihres Lebens dick werden, genauso wie die Männer. Sie wären empört gewesen, wenn das Mittagessen – das sie natürlich nicht selbst kochten, das machte die Köchin, und auch nicht selbst servierten, das machte das Dienstmädchen – auch nur fünf Minuten zu spät aufgetragen worden wäre (was ohnehin undenkbar war). Und das, obwohl sie durch ihren faulen langweiligen Alltag – das Zimmermädchen beim Staubwischen zu beaufsichtigen galt als Hausarbeit – und die überreichliche Ernährung, mindestens drei Mahlzeiten täglich, sowieso nie wirklich hungrig wurden. Meine Großmutter hat mir von der Geburt ihrer ersten Tochter im Jahr 1950 erzählt. Am späten Vormittag war das Kind da, meine Großmutter ruhte sich aus. Es wurde zwölf Uhr, und eine Pflegerin fragte meine Großmutter, ob sie zu Mittag essen wolle. Sie sagte ja und aß mit Appetit und ohne eine Spur von schlechtem Gewissen. Damals war eben noch klar: Frauen brauchen Essen, auch und gerade nach einer Geburt. Das wäre heute unmöglich – die Frage würde aus medizinischer Vernunft gestellt, das schon. Vielleicht hat eine Frau dann sogar den Mut, ja zu sagen. Die Begründung: „Weil ich Hunger habe“ gälte jedoch keinesfalls, auch nicht in dieser Ausnahmesituation, denn: Während der Schwangerschaft hat frau es ja gewagt, zuzunehmen. Jetzt muss sie gefälligst unverzüglich und schleunigst dafür sorgen, dass sie wieder schlank wird. Ich erinnere mich an das Modell Heidi Klum, die kurze Zeit nach ihrer Schwangerschaft wieder auf dem Laufsteg war. Große Bewunderung allseits für ihre Disziplin – was für ein Unsinn!
Generell gilt heute: Frauen essen nicht, und wenn sie es doch tun, haben sie ein schlechtes Gewissen. Früher hungerten die Menschen unfreiwillig, in den Ländern des globalen Südens auch heute noch. Das war und ist schrecklich, unnötig und ein riesige Schande, zweifelsohne. Bei uns hungern Frauen seit ein paar Jahrzehnten freiwillig. Naja, freiwillig – welche Frau schafft es schon, sich vom allgegenwärtigen Imperativ: „Frau kann gar nicht dünn genug sein“ zu emanzipieren? Keine. Es mag Ausnahmen geben, selten und wenige. Es kostet sehr viel seelische Kraft, sich gegen den Imperativ des Dünnseins zu wehren. Ich kenne keine einzige Frau, der das vollständig gelingt, egal, ob sie schlank, mollig oder fett ist. Mir gelingt es weitgehend und darauf bin ich stolz, aber völlig immun bin ich gegen diesen Wahnsinn auch nicht, trotz aller Bemühungen, diese völlig gestörte Mode zu ignorieren, trotzdem ich immer wieder höre, dass ich eine gute Figur habe.
Ich erinnere mich an die grüne Politikerin Madeleine Petrovic. Sie erntete große Bewunderung. Für ihre politischen Leistungen? Mitnichten! Weil sie „so toll“ abgenommen hatte. Und auch die ehemalige Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer bekam viel Lob dafür, dass sie – abgenommen hatte! Ich erinnere mich auch an die ehemalige Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky, die ein bisschen mollig war und es wagte zu sagen, dass sie gelegentlich Schweinsbraten isst. Ein medialer Aufschrei, diese Aussage verfolgte sie noch lange. Welcher Politiker wird danach beurteilt, was er isst oder nicht isst, egal wie dick oder dünn er ist?
Weibliches Essverhalten heute: Frau isst um elf Uhr ein Magerjoghurt, um drei Uhr noch eines, um fünf Uhr hält sie den Hunger nicht mehr aus, verschlingt eine Tafel Schokolade und streicht sich dafür das Abendessen, das sowieso nur aus Salat bestanden hätte. Angenehm satt ist sie nie, denn die Schokolade verpappt ihr nur den leeren Magen. Man(n) mag dagegenhalten, dass es auch dicke Frauen gibt. Ja, aber ist es denen erlaubt, sich wohlzufühlen, sich schön zu finden? Nein. Sie haben sich gefälligst zu schämen und tun das auch.
Das Ganze hat natürlich eine politische Dimension. Es ist vor allem eine Reaktion auf die Fortschritte, die die Feministinnen erkämpft haben. Die Männer (ich meine die Mehrzahl, nicht alle) bekommen Angst um ihre Vormachtstellung und haben ein neues Mittel gefunden, Frauen klein zu halten. Wer hat das vorherrschende unrealistische Schönheitsideal geschaffen? Männer. Es waren immer Männer, die Frauen vorgeschrieben haben, wie sie auszusehen haben. Heute sind es vor allem Künstler – Modedesigner, Filmemacher. Es ist auch eine Reaktion auf den herrschenden Überfluss. In kargen Zeiten war das Schönheitsideal: Üppig, siehe z. B. Steinzeit, siehe z. B. Barock.
Wenn sich Frauen dauernd um ihre Figur sorgen und hauptsächlich damit beschäftigt sind, nicht zu essen, haben sie keine intellektuelle Kapazität mehr. Frau verblödet und lässt sich alles gefallen. Nicht umsonst gibt es den weit verbreiteten Slogan: „Riot, don’t diet.“ („Kämpft, statt Diäten zu machen!“) An alle Frauen: Bitte erfüllt diesen Slogan mit Leben, jeden Tag, unbedingt und unermüdlich, egal, ob ihr schlank, mollig oder fett seid. Wenn wir nichts ändern, wenn wir uns nicht ändern, ändert sich nie etwas.