Fundstücke

Seit einigen Monaten finde ich oft Haarbänder.
Fast jeden Tag eines, manchmal keines, dann wieder zwei, und einmal sogar sechs an einem Tag.
Die Haarbänder liegen auf dem Gehsteig, ich finde sie am frühen Morgen auf dem Weg zur Arbeit oder auf dem Heimweg, wenn ich zum Supermarkt gehe oder bei einer Bushaltestelle warte.
Meist finde ich sie tagsüber, manchmal jedoch sogar im Dunkeln.
Manche sind so ausgeleiert, dass man sie kaum noch verwenden kann, manche sind wie neu.
Ich frage mich: Warum finde ich überhaupt Haarbänder? Ich habe noch nie eines verloren, warum verlieren andere Frauen (oder langhaarige Männer) ihre Haarbänder, und warum passiert ihnen das in den letzten Monaten gehäuft?
Früher besaß ich ein paar schwarze Haarbänder, jetzt habe ich eine große Auswahl:
Vor ein paar Wochen fand ich vor dem Haus Maximilianstraße 37 ein Haarband. Sattes Dunkelgrün, eine schöne Farbe, ich trage es gern.
Kürzlich fand ich vor dem Haus Kaiser-Franz-Josef-Straße 14 ein himmelblaues Haarband, schon ziemlich ausgeleiert. Ich trage es nur, wenn ich in Eile bin und keine Zeit habe, das andere zu suchen. Ich habe nämlich ein weiteres gefunden, gar nicht ausgeleiert, sondern wie neu und genauso himmelblau wie das andere. Es lag vor dem Haus Peter-Mayr-Straße 59.
Schwarze Haarbänder finde ich in allen Varianten – breite, mittlere und dünne, es sind mittlerweile so viele, dass ich den Überblick darüber verloren habe, welches ich wo gefunden habe.
Ich besitze mittlerweile 19 Stück braune Haarbänder – sie unterscheiden sich nur durch leichte Farbnuancen, von rotbraun bis dunkelbraun. Landhausplatz, Bushaltestelle Marktplatz, Straßenbahnhaltestelle Bürgerstraße, Claudiastraße 18, vor dem M-Preis in der Franz-Fischer-Straße, Leopoldstraße 46, vor der Hofburg sind die Fundorte.
Besonders stolz bin ich auf das goldene Haarband mit der imitierten Perle. Es ist auch als Armband sehr kleidsam. Ich fand es vor dem Haus Pradlerstraße 21, und ein paar hundert Meter weiter, bei der Straßenbahnhaltestelle Leipziger Platz, eine weitere Rarität: ein schwarzes Haarband mit schlangenförmiger silberner Verzierung, leider schon sehr ausgeleiert, aber die Farben und das Muster sind toll.
Außerdem fand ich ein dunkelrosa Haarband und zwei hellrosarote vor dem Kindergarten nebenan. Ich nahm sie mit, tragen werde ich sie wohl nie – über das Alter für rosa Haarbänder bin ich hinaus (wenn ich überhaupt jemals in diesem Alter war).
An einem Tag, an dem ich vier Haarbänder fand, war ein absolutes highlight dabei: ein gelbrot gestreiftes. Wow, das ist jetzt mein Lieblingshaarband.
Das giftgrün-gelbliche Haarband, das ich vor der Eingangstür meiner Bank fand, trage ich nur manchmal, ebenso das hellviolette, das ich vor dem Billard-Café in der Müllerstraße lag.
Dann gibt es noch das dünne weiße Haarband, das vor dem Haus Stafflerstraße 11 lag. Ich werde es wohl nie tragen, es gefällt mir nicht.
Besonders gut gefällt mir jedoch das zartgrüne Haarband, das ich vor der Apotheke in der Anichstraße fand. Außerdem sind da noch die drei Haarbänder in einem hässlichen Beige: gefunden vor den Häusern Lieberstraße 7, Erlerstraße 68 und Ingenieur-Etzel-Straße 25.
Und so weiter, und so weiter.
Neulich habe ich nachgezählt, mittlerweile besitze ich 157 Haarbänder. Ich werde mir wohl nie wieder welche kaufen müssen.
Ich habe während dieser Zeit auch noch andere Dinge gefunden: einige Büroklammern, ein Spannleintuch, eine fast neue Hose in meiner Größe, einmal sogar einen 20-Euro-Schein, eine halbvolle Packung Zigaretten, eine rostige Sicherheitsnadel (die habe ich aber nicht aufgehoben). Haarnadeln und Gummibänder sowieso, die hebe ich aber auch nicht auf.
Vor einigen Wochen passierte etwas Furchtbares. Im Hallenbad. Ich zog meine Bahnen, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig, sechsundvierzig, siebenundvierzig. Ich trug ein dunkelgrünes Haarband von unpraktischer Länge: Wickelte ich es zwei Mal um meinen Roßschwanz, saß es etwas lose. Und für drei Mal herumwickeln war es zu kurz. Nach der achtundvierzigsten Bahn bemerkte ich mit Schrecken: Meine Haare waren nicht mehr zusammengebunden! Ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben ein Haarband verloren! Ich suchte. Ich schwamm noch zwei Längen, den Blick über Wasser und unter Wasser auf den Boden des Beckens geheftet. Das Haarband blieb verschwunden. Angst überkam mich. Zitternd verließ ich das Becken, zitternd trocknete ich mich ab, zitternd ging ich nach Hause. Einen Monat lang fand ich kein einziges Haarband mehr und traute mich nicht schwimmen zu gehen.
Letzte Woche überwand ich mich. Zitternd ging ich zum Hallenbad, zitternd zog ich mich um, zitternd stieg ich ins Becken. Zitternd schwamm ich die ersten Längen, elf, zwölf. Bei der dreizehnten Länge wagte ich es, den Boden des Beckens abzusuchen. Und fand ein Haarband, hellblau und fast neu. Seither gehe ich wieder regelmäßig schwimmen – ohne zu zittern. Und ich finde wieder Haarbänder, manchmal nur eines pro Tag, einmal jedoch sogar fünf. Mein Leben ist wieder in Ordnung.