Gedanken beim Einkaufen

Was brauche ich noch? Ach ja, Essig. Weinessig. Warum Weinessig? Weil ich meinen Salat gerne mit Olivenöl mariniere, den Luxus gönne ich mir. Griechisches Olivenöl, ich will ja die griechische Wirtschaft unterstützen. Dazu passt am besten Weinessig. Der kommt üblicherweise aus Italien. Und ich habe gelesen, dass es in Süditalien mittlerweile illegale Siedlungen von illegalen Einwanderern gibt. Superbillige afrikanische Immigranten, die unter sklavenartigen Arbeitsbedingungen auf den großen Plantagen arbeiten und hausen. Das will ich nicht unterstützen. Ob es diese Siedlungen auch in Weinbergen gibt? Gut möglich. Ich könnte statt italienischen Weinessig österreichischen Apfelessig kaufen. Woher da wohl die Äpfel kommen? Nein, Olivenöl und Apfelessig, das schmeckt nicht gut. Olivenöl und Weinessig, beides mediterrane Produkte, das passt zusammen. Ich könnte Kürbiskernöl kaufen, dazu passt der Apfelessig… Kürbiskernöl kostet 7,99 Euro für einen halben Liter, das kann ich mir nicht leisten. Olivenöl habe ich noch zu Hause. Also bleibt es beim Weinessig… Ich stehe vor dem Regal mit Essig und suche den billigsten Weinessig. Nur 1,19 Euro für einen Liter, das geht. Aber die Arbeitsbedingungen in den Weinbergen?! Vielleicht sollte ich Aceto Balsamico di Modena kaufen. Das ist eine geschützte geographische Angabe, der Essig darf nur so heißen, wenn er tatsächlich in der Provinz Modena hergestellt wurde. Auf die diesbezügliche EU-Regelung sollte man sich doch verlassen können… Modena liegt in Norditalien, dort wird es hoffentlich noch keine solchen Siedlungen geben… Moment, die Herstellung des Essigs sagt ja nichts über die Herkunft der Trauben aus. Wie ist das geregelt? So genau kenne ich mich nicht aus… Die Trauben können vielleicht aus Süditalien kommen und dann bin ich wieder nicht sicher ob… Also kein Aceto Balsamico di Modena. Es gibt auch Bioessig. Natürlich sagt „bio“ grundsätzlich nichts über die Arbeitsbedingungen aus, das ist mir schon klar. Es ist aber unwahrscheinlich, dass es riesige Biotraubenplantagen gibt, so groß kann die Nachfrage nach Bioessig nicht sein. Nehme ich an. Und auf kleinen Plantagen gibt es wahrscheinlich keine illegalen Einwanderer. Aus dem schlichten Grund, dass kleinere Bauern nicht die Möglichkeit haben, das zu organisieren. Ziemlich teuer, dieser Essig. Aber nicht zu teuer. Ich nehme ihn.
Spaghetti habe ich zu Hause. Irgendeine Sauce dazu... etwas, das nicht viel Aufwand macht, etwas, das schnell geht. Ich stehe vor dem Regal mit Fertigsaucen. Grünes Pesto? Nein, grünes Pesto aus dem Glas ist bääh. Vielleicht rotes Pesto? Kostet nicht viel, schmeckt nicht schlecht. Auf dem Etikett lese ich: In Österreich erzeugt. Woher wohl die Tomaten kommen? Eher nicht aus Österreich, aber das steht natürlich nicht da. Vielleicht aus Italien oder Spanien? Da gibt es wieder das Problem mit den illegalen Arbeitern. Ich habe gehört, dass die Tomaten für die industrielle Verarbeitung heute sowieso nur noch aus China kommen. Ob ich das glauben soll? Was für ein Wahnsinn, Tomaten um die halbe Welt zu schippern… aber China ist seit fast 70 Jahren kommunistisch, das ist also das Paradies der Arbeiter und Bauern, da braucht man sich um die Arbeitsbedingungen keine Sorgen zu machen… Haha! Das Problem ist, dass man nicht leben kann, ohne sich mitschuldig zu machen am Elend in dieser Welt. Wütend lege ich ein Glas rotes Pesto in den Einkaufswagen.
Ein paar Vitamine brauche ich auch noch… es gibt Smoothies zum halben Preis, was für ein Glück. Ananas-Banane-Kokos, das klingt gut… bei reduzierten Artikeln greife ich einfach zu, besser, ich konsumiere sie als dass sie weggeworfen werden, da ist es mir egal, was drin ist. Aus Gewohnheit dennoch ein Blick aufs Etikett – der Smoothie heißt „innocent“. Unschuldig. Kleiner gedruckt steht da: „Das innocent Versprechen: Schmeckt gut, tut gut.“ Achso, Glück zum Trinken. Unschuldiges Glück. Da haben sich die Marketingexperten etwas Tolles ausgedacht. Darunter: „Leckere, gesunde Getränke. Nachhaltiger Anbau“ – aber kein Bio-Abzeichen, kein fairtrade-Siegel. Soll ich das glauben? Jaja, auch das mit dem Bio-Abzeichen, das mit dem fairtrade-Siegel muss ich glauben. Letztlich muss man immer irgendwem irgendetwas glauben. Dann steht da noch: „10 % des Gewinns für gute Zwecke.“ Was diese Firma wohl unter „guten Zwecken“ versteht? Es ist sogar eine Homepage angegeben, dort könnte ich das nachlesen… egal, ein bisschen Charity bringt sowieso nichts, wenn für den Anbau der Früchte Regenwald abgeholzt wird und Kinder arbeiten. Nachhaltig, wer’s glaubt… „Bitte pass auf mich auf“ – jetzt wird es wirklich absurd, diese Marketingfuzzis lassen die Flasche sprechen! „Mich“! Kindisch. Wie kommt man auf so einen Satz, was soll das heißen? „Dieser Smoothie trägt jetzt ein durchsichtiges Etikett. So passt es besser zu den nackten Früchten. Wir versprechen Dir, dass Dein Smoothie komplett frei von Textilien, Konzentraten und zugesetztem Zucker ist. Am besten schmeckt er, wenn auch Du unter Deiner Kleidung nackt bist. Aber wir möchten Dir nichts vorschreiben.“ Jetzt haben sich die Marketingfuzzis selbst übertroffen, und einer davon hat sogar eine Gehaltserhöhung bekommen für die tolle Idee, das Etikett jetzt transparent zu machen. Zu Hilfe! Wie kann man sich nur so viel Unsinn einfallen lassen?! Krampfhaft lustig, „das Individuum ansprechen“ nennt sich das wohl. Daneben ist eine Banane mit einem lachenden Gesicht abgebildet. Wie blöd muss ein Individuum sein, um sich von so etwas angesprochen zu fühlen? Darunter noch etwas, das ich, obwohl social media abhold, als hashtag identifiziere: #nacktesobst. Welche Vollidioten schreiben dort, und was? Es wird noch schlimmer: „Magst Du plaudern?“ Darunter eine Telefonnummer. Wer da wohl abhebt? Gibt es wirklich eine Hotline für gelangweilte Smoothietrinker, oder ist das dann eine verwirrte Sekretärin, die nicht weiß, was man will, weil niemand damit rechnet, dass irgendjemand den Vorschlag ernst nimmt und tatsächlich anruft? Die ganze Absurdität unserer Konsumwelt springt mir von diesem Etikett entgegen. „Vor dem Öffnen schütteln, nicht danach.“ Ist das ein weiterer Versuch, lustig zu sein? „Diese Flasche besteht zu mind. 30 % aus recyceltem Plastik. Bitte recycle sie wieder (erst austrinken).“ Zu mindestens 30 % aus recyceltem Plastik, na, das beruhigt mein Gewissen ja ungemein. 30 %?! Schon gut, natürlich werde ich die Flasche recyceln, wobei, wie viel von dem Sammelsurium, das sich in meinem Altplastikcontainer ansammelt, recycelbar ist und wie viel davon recycelt wird, frage ich mich öfters. Ob mir der Smoothie noch schmecken wird? Eher nicht, aber Vitamine brauche ich.