Millionen

Der Besitzer der Konservenfabrik „Bonessa“ konnte stolz sein auf die steigende Produktion: Rindsragout, gefüllte Paprika mit Tomatensauce, Dosensuppe mit roten Bohnen, Kartoffelgulasch, Truthahnpastete, aber auch Hundefutter.
Täglich besuchte der Besitzer der Konservenfabrik „Bonessa“ die „Produktion“, wie man die große Halle nannte, in der in großen Kesseln Speisen gekocht, portioniert und in Dosen gefüllt wurden. Er blickte stolz auf den lasergesteuerten Einwieger, auf die leise surrenden Fließbänder und die in Plastik verschweißten Paletten, die von den Gabelstaplerfahrern abgeholt und auf LKS’s gepackt wurden.
Nicht nur die „Produktion“ funktionierte reibungslos, auch die Nachfrage stieg dank der intensiven Werbung („Nichts schmeckt so fein wie Bonessa!“), und seit dem letzten Umbau und dem Erwerb einiger neuer Maschinen („Sehen Sie sich nur dieses Prachtstück an – unsere neue Passier-Hack-Pürier-Mix-Multimaschine! Sie ist fleißiger als ein ganzes Heer von Hausfrauen!“ pflegte der Direktor zu seinen Geschäftspartnern zu sagen, wenn er ihnen die „Produktion“ zeigte.
Die Firma lief also wunderbar, nur eines bereitete dem Direktor Kopfzerbrechen – sie hatten immer wieder Engpässe in der Anlieferung der Rohstoffe. Die immer größer werdenden Mengen Tomatenmark, Paprikapulver, Faschiertes und Mehl heranzukarren, machte der „Rohstoffabteilung“, wie sie der Direktor nannte, oft Probleme. Sei es nun ein Streik der LKW-Fahrer, dichtes Schneetreiben auf der Autobahn, der Unfall eines Frachtzuges (man stelle sich vor, 30 Wagonladungen Tomaten wurden zu Matsch, als der Zug entgleiste) – immer wieder gab es Schwierigkeiten. Der Direktor dachte daher schon länger über eine dauerhafte, wirtschaftliche Lösung nach.
Wann kam ihm die Idee zum ersten Mal? Wann schlich sich der rettende Gedanke in seinen gewinnbringend denkenden Kopf? War es, als er wieder einmal den riesigen Gulaschtopf inspizierte, in dem sich eine träge braune Masse herumwälzte? War es, als er die Rohmasse für faschierte Laibchen betrachtete, die wurstförmig aus der Mischanlage quoll? Oder war es, als ihm auffiel, dass das Hundefutter eigentlich ganz ähnlich roch wie Truthahnpastete?
Eines Tages überwand er sich und fischte ein Stück Hundefutter aus dem Gelee; tatsächlich, der Geschmack war auch ähnlich. Nur wenige Tage später war der Vertrag mit dem Schlachthof ausgehandelt und unterzeichnet: Von nun an lieferte man die gesamten Schlachtabfälle an die Konservenfabrik „Bonessa“. Vorher hatte man nur wöchentlich zwei Tonnen geliefert, fürs Hundefutter. Die „Produktion“ musste erweitert werden, und der Bedarf an Aroma-, Geschmacks- und Farbstoffen stieg massiv an. Durch Verdickungsmittel, Stabilisatoren und Spritztüllen wurden aus Schlachtabfällen nun „faschierte Laibchen“, „Pasteten“ und „Rindsgulasch“ gemacht. Das hauseigene Labor entwickelte sogar Methoden, aus dem neuen Rohstoff „Kartoffelstückchen“ und „Karottenscheiben“ zu produzieren. Der Tag, an dem es gelang, sogar „Paprikaschoten“ herzustellen, war ein großer („Das geht in die Annalen der Firma ein!“, verkündete der Direktor stolz.) Der Absatz stieg.
Täglich 360 000.
Täglich 410 000.
Täglich 500 000.
Das einzige, was den Direktor bedrückte, war, dass nun die Schlachtabfälle langsam knapp wurden. Er kaufte schon alle Abfälle von den drei umliegenden Schlachthöfen auf. Die neue Marketingstrategie („Bonessa – die reine Natur, schonend haltbar gemacht!“ – „Bonessa macht fit und gesund! Von Spitzensportlern empfohlen!“) schlug ein, die Nachfrage stieg weiter. Nur einem so profitabel denkenden Mann wie dem Direktor konnte die Lösung einfallen – er telefonierte mit dem Leiter der örtlichen Kläranlage. Ein Besuch in dessen Anlage machte ihn sicher: Die Konsistenz war perfekt, die Farbe ähnlich der von gebratenem Fleisch. Der Geruch war – nun, auch nicht schlimmer als der der Schlachtabfälle, milderte der Direktor ab. Seine Chemiker würden eine Lösung finden. Also handelte er mit dem Kläranlagenbetreiber einen Vertrag aus, und wenige Tage später wurde er unterzeichnet: Die gesamte Klärschlammproduktion wurde ab sofort an die Konservenfabrik „Bonessa“ geliefert. Der Inhalt der Container, die auf der Ladefläche montiert waren, trugen die Aufschrift „Tomatenmark“. Der Inhalt der Container wurde direkt in die großen Silos gepumpt, die neben der „Produktion“ standen. Der Bedarf an Farb- und Aromastoffen, Stabilisatoren und Verdickungsmitteln stieg sprunghaft an, die steigende Nachfrage („Bonessa bringt gute Laune für den ganzen Tag“ – „Bonessa – jetzt auch Gulasch light!“) konnte problemlos befriedigt werden.
Täglich 550 000.
Täglich 670 000.
Als täglich 700 000 Dosen verkauft wurden, veranstaltete der Direktor ein großes Fest. Alle Aktionäre versammelten sich zu einem großen Bankett. Der Direktor hielt eine kurze Rede („Ich danke Ihnen allen für Ihr Vertrauen und Ihr Kommen!“) und saß an einem Ehrenplatz: Es gab erlesene Köstlichkeiten, geräucherte Forelle aus den Bergen, knackige Salate, gefüllte Nudeln in Kräutersauce, Rindsbraten in Madeira und Mandelkuchen, alles von Haubenköchen zubereitet. Als besondere Geste der Großzügigkeit galt, dass auch die Arbeiter und die Büroangestellten an diesem Tag frei hatten. Nach dem Frühschoppen, so berichteten die eingeladenen Journalisten, wurde da Mittagessen serviert: Gulaschsuppe, danach gefüllte Paprika oder Truthahnpastete in Tomatensauce, nach Wahl. Zum Nachtisch Schokopudding, alles aus hauseigener Produktion, so berichtete das Lokalblatt. Es war ein sehr fröhlicher Tag, alle Arbeiter tanzten noch lange, nach vielen Runden Bier fielen einige unter den Tisch.
Am nächsten Tag ging die Produktion weiter; zufrieden inspizierte der Direktor die leise surrenden Fließbänder.