Die sind ja alle organisiert - na und?

Manche Menschen freuen sich das ganze Jahr über auf ihren Urlaub. Weil sie dann verreisen können. Gerne erzählen diese Menschen, wo sie schon überall waren und wohin sie gerne noch fahren würden und wohin sie heuer fahren werden. Einige dieser Reiselustigen bevorzugen geführte Reisegruppen, andere organisieren sich lieber alles selbst. Wählt man die Gruppenreise, muss man sich ja um nichts kümmern – Flug, Reiseroute, Übernachtungen, Visa, das alles übernimmt das Reisebüro. Der Reiseführer kennt sich in dem fremden Land aus, spricht eventuell auch die dortige Sprache, kümmert sich um jedes Anliegen. Ja, organisierte Reisen haben ihre Vorteile. Allerdings kostet diese Art des Urlaubs mehr als eine selbst geplante Reise, der Reiseführer will bezahlt werden, das Reisebüro Gewinn machen. Das nehmen die Teilnehmer jedoch gerne in Kauf – wegen des größeren Komforts. Man darf auch nicht vergessen: Manche Länder sind so anders, so fremd, dass Individualreisen fast unmöglich sind.
Erinnern Sie sich noch an die kleine Bäckerei am Eck? An den Schreibwarenhändler zwei Straßen weiter? An den Tag, an dem der letzte Greißler der Stadt zugesperrt hat?
Statt vielen kleinen Fachgeschäften in der Stadt gibt es heute riesige Konsumtempel, oftmals in der Peripherie. Statt Einzelhändler große Handelsketten. Bäcker Ruetz statt Bäckerei am Eck, Libro statt Schreibwarenhändler, Billa statt Greißler. Dort arbeiten viele mäßig bezahlte Verkäufer/innen, der Filialleiter verdient gut und fährt einen Mercedes, die obersten Führungskräfte bekommen für ihre Tätigkeit geradezu unglaublich viel Geld und fahren einen Jaguar.
Geht man durch das Zentrum unserer Stadt, kann man sie nicht übersehen: Die Bettler. Manche knien auf dem Gehsteig, manche zeigen ihre verkrüppelten Beine, manche sprechen Passanten an. Die meisten können wenig oder gar kein Deutsch. Ältere Männer, jüngere Männer, auch Frauen mit kleinen Kindern, allesamt schlecht gekleidet. Aufgrund von Zeitungsberichten vermutet man, dass es Osteuropäer sind, vielleicht auch Zigeuner. „Denen geb ich nix, die sind ja alle organisiert.“ Diesen Satz hört man oft in Gesprächen über Bettler. Nur: was heißt hier „organisiert“? Ohne einen Boss, der die Reisekosten vorstreckt, die Anreise plant, Übernachtungsmöglichkeiten kennt, ist es für einen armen Osteuropäer schwer, hierher zu kommen. Der Bettlerboss ist also – eine Art Reiseleiter. Das kann man nicht vergleichen? Hm, ich finde schon, die Parallelen sind offensichtlich. Ein wesentlicher Unterschied ist sicherlich, dass die Bettler nicht zum Vergnügen reisen, sondern weil es ihre einzige Möglichkeit ist, Geld zu verdienen. Ja, es stimmt wohl, dass der Bettlerboss den größten Teil des Geldes einsteckt – aber das ist bei uns genauso üblich, den einzelnen Verkäufer/innen bei einer großen Handelskette bleibt auch wenig von dem Reichtum, den sie erwirtschaften. Das ist legal und gilt als legitim. Dass es in Osteuropa noch immer Menschen gibt, die nur durch Betteln in Österreich überleben können, finde ich schrecklich. „Die sind ja alle organisiert“ ist für mich kein Grund, ihnen nichts zu geben.