Ossis Aufstieg

Ossi wohnte in der städtischen Obdachlosenherberge. Oder soll ich es besser so formulieren: „Ossi lebte in der städtischen Obdachlosenherberge.“? Die Verben „wohnen“ oder „leben“ sind eigentlich zu hoch gegriffen, „vegetieren“ klingt nach rechtem Denken und abwertend, es wäre auch übertrieben, es war mehr ein Vor-sich-hin-wurschteln. Er war eben ein Sandler. Er selbst und seine Kleider ungewaschen, Haare und Bart zottelig, vom frühen Morgen an eine Dose Bier in der Hand, im Lauf des Tages dann zwei Flaschen Schnaps von der billigsten Sorte, Essen gleichgültig, wenn, dann ein Stück altes Brot und eine Dose Sardinen. Etwas Geld vom Staat, aufgebessert durch Betteln, manchmal auch Ladendiebstahl und gelegentlich ein Einbruch. Seinen Tabakbedarf deckte er, indem er Zigarettenstummel von der Straße aufsammelte.
So vergingen viele Jahre, Ossi war jetzt fast vierzig.
Die ersten Nachrichten von der Seuche gingen an ihm vorbei, denn er las keine Zeitung und besaß kein Radio. In den gelallten Gesprächen mit seinen Kollegen spielte das Tagesgeschehen keine Rolle.
Nach ein paar Tagen konnte er jedoch nicht umhin, die Folgen der Seuche zu bemerken: viele Geschäfte waren geschlossen, die Straßen fast leer, die wenigen Passanten trugen einen Mundschutz. Quarantänemaßnahmen. Das Betteln wurde unrentabel. Der Leiter der Herberge versuchte den Bewohnern die Sachlage zu erklären, Ossi und die anderen hörten kaum hin und hatten am nächsten Tag fast alles vergessen. Erst Monate später, als die Wirtschaft so stark abgebaut hatte, dass die Sozialleistungen gekürzt wurden, merkten sie auf. Ossi holte sich wie immer am Anfang des Monats sein Geld vom Sozialamt und rechnete nach: Es würde höchstens bis zum Zehnten reichen, auch wenn er sich nur eine Flasche Schnaps am Tag kaufen würde. Er bekam Angst, Angst vor der erzwungenen Reduktion seiner Dosis, noch mehr Angst vor dem ebenso erzwungenen Nüchternsein ab dem Elften. Drei Tage lang betäubte er diese Angst, indem er weiterhin zwei Flaschen Schnaps pro Tag trank. Am Morgen des dritten Tages zählte er seine verbliebenen Scheine, und ihm wurde klar: Er musste Geld verdienen. Nüchtern sein konnte er sich nicht vorstellen, diesen Zustand kannte er seit über 20 Jahren nicht mehr.
Ossi setzte sich auf eine Parkbank, trank und dachte nach. Ich könnte Spiritus mit Himbeersirup trinken, dachte er, das ist viel billiger. Aber die Baumärkte waren geschlossen, davon hatte er gehört, also wusste er nicht, wo er Spiritus kaufen könnte.
Ich könnte selbst Alkohol erzeugen, dachte er, das habe ich ja im Gefängnis gelernt. Man nehme eine Packung Orangensaft, füge etwas altes Brot als Gärungshilfe hinzu und lasse diese Mischung ein paar Tage lang an einem warmen Ort stehen. Das Resultat? Ein bitteres, leicht säuerliches Gebräu mit Schimmelflocken darin. Mit ungefähr dem gleichen Alkoholgehalt wie Wein. Ossi erinnerte sich, dass er viele Stunden damit verbracht hatte, den Herstellungsprozess zu optimieren. Er hatte dutzende Anläufe gebraucht, bis er die optimale Menge Altbrot kannte, bis er wusste, wann und wie lange die Saftpackung auf dem sonnigen Fensterbrett stehen sollte, wann und wie lange sie gekühlt werden musste – anstelle eines Kühlschranks verwendete er einen Kübel voll Leitungswasser, das er stündlich gewechselt hatte, damit es nicht zu warm wurde. Zu bestimmten Zeitpunkten schüttelte er die Packung. Er hatte eindeutig ein Händchen für Eigenbrau. So wurde das Getränk milder im Geschmack, prickelte angenehm auf der Zunge und es bildete sich kaum Schimmel. Keiner seiner Mithäftlinge gab sich so viel Mühe beim Brauen. Manchmal hatte er ihnen ein Glas voll Eigenbrau teuer verkauft – für eine ganze Packung Tabak. Das Rezept verriet er ihnen natürlich nie.
Entschlossen stand er von seiner Parkbank auf und ging einkaufen: zwanzig Liter Orangensaft im wiederverschließbaren Tetrapack und einen Laib Brot. In der Herberge angekommen, schnitt er das Brot in dünne Scheiben und legte es zum Trocknen auf. Am nächsten Morgen, nach drei Dosen Bier, begann er zu brauen: Er krümelte das Brot in die Tetrapacks und legte sie aufs Fensterbrett. Seinen drei Zimmerkollegen versprach er je einen Liter fertigen Eigenbrau unter der Bedingung, dass sie die Packungen nicht anrührten. Sicherheitshalber verließ er dennoch in den nächsten Tagen kaum den Raum, lagerte die Packungen regelmäßig um und schüttelte sie fachgerecht. Stundenlang saß er da, trank Schnaps und weidete sich am Anblick der Saftpackungen. Nach vier Tagen verkostete er den Eigenbrau – er war wunderbar gelungen. Er gab seinen Zimmerkollegen ihren Anteil, sie tranken zusammen und lachten viel. Das Gebräu schmeckte so gut, dass Ossi gleich drei Liter davon trank. Seine Zimmerkollegen kauften ihm je zwei weitere Packungen ab.
Irgendwann schliefen sie ein, am folgenden Tag leerte Ossi morgens eine weitere Packung und ging dann wieder einkaufen – diesmal kaufte er gleich fünfzig Liter Orangensaft und zwei Laib Brot. Er gab seinen Zimmerkollegen je eine weitere Packung Eigenbrau, damit sie Platz für seine Produktion machten. Vier Tage später war es so weit – die Nachricht von Ossis neuer Betätigung hatte sich natürlich sofort im Haus herumgesprochen, schon am Morgen standen alle Mitbewohner, die noch etwas Geld hatten, vor der Tür Schlange. Ossi ließ sie warten, frühstückte eine Packung vergorenen Saft und verkaufte dann vierzig Liter, zehn Liter behielt er für sich und ging wieder einkaufen – hundert Liter Orangensaft, fünf Laib Brot und zwei Flaschen Schnaps. Das Zimmer war gerade groß genug für diese Mengen, man konnte zwischen den Packungen kaum noch zu den Betten gelangen. Am nächsten Tag trug Ossi die Packungen in den Innenhof, um die Mischung zu sonnen – das Fensterbrett war zu klein geworden. Er setzte sich neben seinen Besitz, ruhte aus und dachte nach: „Wie komme ich zu mehr Platz?“
Er besprach das Problem mit dem Leiter der städtischen Herberge. Der schlug ihm vor, ein Kellerzimmer anzumieten – da dieser Raum ohnehin nicht benutzt wurde, sollte die Miete niedrig sein, kühl war er auch. Für das Sonnen der Packungen konnte Ossi eine Ecke des Innenhofs benutzen. Der Leiter hatte viel Erfahrung mit den Bewohnern der Herberge – er wusste: Wenn ein Alkoholiker keinen Nachschub mehr bekommt, gerät er in Panik. Einbrüche in Supermärkte, Bars und Juweliergeschäfte würden sich häufen, Bettler würden zu Taschendieben werden, die erzwungene Nüchternheit würde vermehrt zu Schlägereien im Haus führen, Sandler würden bei der Mehrzahl der Bevölkerung noch unbeliebter werden, bei den Politikern sowieso. Das würde schnell zu weiteren Kürzungen bei den Sozialleistungen und bald auch bei den Subventionen führen. Er fand, unter diesen Bedingungen sei eine Brauerei im Haus das geringere Übel. Er ermunterte Ossi sogar, die Produktion zu steigern, und gab ihm Kredit für die Anschaffung von zweihundert Litern Orangensaft.
Nun drohte Ossi die Arbeit über den Kopf zu wachsen. Er bat seine Zimmerkollegen, ihm zu helfen. Gemeinsam schleppten sie den Orangensaft vom Großhändler am Stadtrand zur Herberge – sie mussten zwei Mal gehen. Außerdem kaufte Ossi zwei große Einkaufstaschen Brot und trocknete es, am nächsten Morgen nahm er sich nicht einmal Zeit für sein übliches Flüssigfrühstück, sondern begann sofort mit der Produktion. Da er wusste, dass die Menge an Brot ausschlaggebend war für das Gelingen der Mischung, hielt er die Dosierung streng geheim.
Etwas Geld hatte er noch, also ging er los, um zwei Sackroller zu besorgen. Aufgrund der Seuche waren alle Baumärkte weiterhin geschlossen, also dauerte es bis zum Abend, bis er zwei gebrauchte Sackroller aufgetrieben hatte. Da er quer durch die ganze Stadt gegangen war, war er sehr müde, trank nur noch einen Liter Eigenbrau und legte sich zufrieden schlafen.
Am nächsten Tag trug er gemeinsam mit seinen Zimmerkollegen alle Tetrapacks hinaus in den Innenhof, um sie zu sonnen. Die Sackroller konnten sie dafür noch nicht verwenden, da drei Stiegen zu überwinden waren. Also besprach sich Ossi mit einem weiteren Bewohner der Herberge, Kurt, der früher Spengler gewesen war: Ob er ihm Rampen bauen könne? Kurt forderte als Bezahlung zwanzig Liter Eigenbrau. Ossi war natürlich einverstanden, und so zogen sie los, um Bleche zu organisieren und Werkzeug auszuleihen. Wieder hatte Ossi keine Zeit, Eigenbrau zu trinken.
Sie gingen zur Werkstatt von Kurts ehemaligem Chef. Dieser hatte aufgrund der Seuche seine Firma stilllegen müssen und stand müßig mit einer Flasche Bier in der Hand in der Werkstatt herum. Schnell wurden sie sich einig: Der Spengler würde passende Bleche liefern und Kurt das nötige Werkzeug leihen, als Gegenleistung wurden zwanzig Liter Eigenbrau vereinbart. Sofort machte sich der Meister ans Werk, denn auch er war knapp bei Kasse und konnte sich kaum noch Bier leisten. Wenige Tage später waren die Rampen eingebaut.
Inzwischen hatten die zweihundert Liter Orangensaft ihren optimalen Reifegrad erreicht, die Bewohner der Herberge weckten Ossi schon im Morgengrauen und kauften Eigenbrau. Ossi entlohnte seine Zimmerkollegen, Kurt und den Spenglermeister flüssig und dem Leiter der Herberge täglich drei Liter.
Wieder fand er keine Zeit, selbst zu trinken, denn die Nachfrage war höher gewesen als das Angebot und Ossi wollte sofort die Produktion fortsetzen, diesmal mit fünfhundert Litern Saft. Also machte er sich mit seinen Zimmerkollegen an die Arbeit.
Wenige Tage später war Verkaufstag – Ossi staunte, denn diesmal standen nicht nur die Bewohner der Herberge Schlange, sondern auch alle Freunde und Verwandte des Leiters und des Spenglermeisters. Schnell war alles verkauft.
So vergingen einige Wochen, Ossi mietete ein zweites Kellerzimmer und stellte immer mehr Kollegen an. Mittlerweile bestand seine Kundschaft hauptsächlich aus Leuten aus der Mittelschicht, denn der Wein und das Bier im Supermarkt wurden immer teurer und es gab aufgrund der Seuche immer mehr Arbeitslose, die ihren Frust in Alkohol ertränken wollten. Nun war jeder Tag Verkaufstag, Ossi hatte alle Hände voll zu tun: Den Einkauf überwachen, telefonische Bestellungen entgegennehmen, einen Lieferwagen und weitere Sackroller kaufen, die Mitarbeiter einteilen, die Mischung ansetzen, den Überblick über die Produktion bewahren… zum Saufen blieb ihm keine Zeit.
Ein Viertel des Eigenbrau brauchte er, um diverse Mitarbeiter diverser Behörden dazu zu bringen, beide Augen zuzudrücken, auch dem Leiter der Herberge musste er jeden Tag drei Liter geben, um ihn ruhig zu stellen.
Die Nachfrage stieg. Wieder stellte sich die Frage: „Wie komme ich zu mehr Platz?“ Ossi mietete eine Lagerhalle und ein Glashaus an, die Brauerei übersiedelte. Mittlerweile arbeiteten alle Bewohner der Herberge für Ossi, alle tranken weniger, weil sie weniger Zeit dafür hatten. Keiner lallte mehr. Ossi blieb weiterhin nüchtern, er kam kaum noch zum Schlafen. Und die Nachfrage stieg weiter, überstieg wieder das Angebot, der Preis für Eigenbrau stieg.
Die Vorräte an alkoholischen Getränken gingen im ganzen Land zur Neige. Die gesamte Bevölkerung, außer Ossi und seine Mitarbeiter, wartete auf Nachschub. Aber alle weinproduzierenden Länder hatten den Export eingestellt mit der Begründung: „Wir brauchen unseren Wein selbst.“ Auch Bier und Spirituosen konnten nicht mehr importiert werden. Die geringe Produktion der heimischen Bierbrauer – sie bekamen kaum noch Rohstoffe – wurde auf dem Schwarzmarkt zu horrenden Preisen verkauft, deshalb hofften alle auf die Weinernte. Doch sie warteten vergebens – es wurde nicht viel Wein im Land produziert, und auch dieser landete auf dem Schwarzmarkt. Nur die Oberschicht konnte sich diesen Wein leisten.
Die südlichen Kontinente, in denen Orangen angebaut wurden, waren nicht von der Seuche betroffen und exportierten weiterhin. Ossi hatte also keine Probleme, an den Rohstoff zu kommen. Er schloss einen Vertrag mit einer Großbäckerei: täglich wurden vorgetrocknete Brotscheiben geliefert, anfangs täglich 50 Kilo, bald 100, dann immer mehr. Er trug einen sauberen Anzug, wusch und rasierte sich täglich. Er mietete weitere Lagerhallen und Glashäuser, kaufte sich ein elegantes Auto und gründete im ganzen Land Filialen. Unermüdlich reiste er herum, organisierte, diskutierte, kontrollierte, führte Besprechungen und Bewerbungsgespräche, schloss Lieferverträge ab, die telefonische Annahme der Bestellungen hatte schon längst eine seiner Sekretärinnen übernommen. Das Ansetzen der Mischung ließ er sich patentieren. Mittlerweile hatte er mehrere Hundert Mitarbeiter, die einzige Anstellungsvoraussetzung war: Man musste Sandler sein. Denn Ossi hatte seine Herkunft nicht vergessen. Auch die Sekretärinnen waren vorher Sandlerinnen gewesen. Sobald sie Arbeit hatten, tranken alle weniger.
Die Seuche hatte schon längst eine gravierende Wirtschaftskrise hervorgerufen, auch um die Staatsfinanzen stand es schlecht. Die Sozialleistungen wurden weiter gekürzt, auch die Stadt war in Geldnöten und führte eine – wenn auch geringe – Miete für die Betten ein. Die Bewohner murrten und protestierten vor dem Rathaus. Deshalb kam dem Bürgermeister Ossis Kaufangebot gelegen: Ossi war nun der Besitzer der Herberge, ein Hausverwaltungskomitee wurde gegründet, das Haus ließ er nach den Wünschen der Bewohner umbauen und erweitern. Miete verlangte er keine, der ehemalige Leiter wurde zum Hausmeister.
Ossi war nun wohlhabend, nicht reich, denn er entlohnte seine Mitarbeiter großzügig und spendete viel an karitative Einrichtungen und für die medizinische Forschung nach Medikamenten gegen die Seuche. Den einzigen Luxus, den er sich erlaubte, war ein Einzelzimmer in der Herberge. Da die Firma immer stärker florierte und laufend expandierte, konnte er auch Baugrundstücke kaufen. Sicherheitshalber.
Nach einigen Jahren ging die Seuche zurück und verschwand schließlich ganz, denn die Behandlung war optimiert worden. Die Wirtschaft erholte sich, der Import von alkoholischen Getränken setzte wieder ein, die Nachfrage nach Ossis Gebräu sank, er musste seine Produktionsstätten schließen. Ossi blieb weiterhin nüchtern und hatte endlich Zeit für sein nächstes Projekt: Mehr leistbaren, schönen Wohnraum schaffen. Er gründete „Ossis gemeinnützige Wohnbaugesellschaft“ und für jedes Bauprojekt ein Komitee, in dem die zukünftigen Bewohner saßen. Durch engagierte, fortschrittlich denkende Architekten wurden Pläne erstellt, dann mit Hilfe der öffentlichen Hand und durch Kredite umgesetzt. Die Baugrundstücke besaß Ossi ja schon. Die Baufirmen bekamen ihre Aufträge nur mit der Auflage, dass sie die Bewohner der Herberge einstellten. Als die Wohnungen fertiggestellt waren, zogen einige von ihnen dorthin, viele blieben jedoch in der Herberge, weil sie gerne in Gesellschaft lebten und sich deshalb dort wohler fühlten als in einer eigenen kleinen Wohnung. Ossi wohnte auch nach wie vor in der Herberge, heiratete eine seiner Sekretärinnen, sie hatten drei Kinder und führten gemeinsam „Ossis und Lisas gemeinnützige Wohnbaugesellschaft“. Die Jahre vergingen mit viel Arbeit, konstruktiv, fröhlich und natürlich immer ohne Alkohol. Ossis Lieblingsgetränk war jetzt unvergorener Orangensaft, Lisa bevorzugte Kaffee. Die Kinder wurden erwachsen, Ossi und Lisa setzten sich zur Ruhe, die beiden Töchter übernahmen die gemeinnützige Wohnbaugesellschaft und führten sie im Sinne ihrer Eltern fort.