Psychiatrieaufenthalt

Ich halte das nicht mehr aus. Ich halte das nicht mehr aus. ICH HALTE DAS NICHT MEHR AUS!!!
„Können Sie sich nicht ablenken?“ Der war gut, Frau Doktor. Stellen Sie sich vor, Sie stehen in einem Sturm, Windstärke neun. Und jetzt stellen Sie sich vor, Sie haben diesen Sturmwind geschluckt, er weht in Ihrem Magen. Nein, ich bin nicht schizophren, ich weiß, dass niemand einen Sturmwind schlucken kann, das ist nur eine Metapher. Nein, ich übertreibe nicht. Die Übertreibung ist ein Stilmittel, das ich durchaus schätze, aber hier ist es nicht angebracht, das hieße selbstmitleidig sein und das will ich nicht, Mitleid schinden ebenso wenig. Also, der Sturmwind weht, egal, was ich mache. Ich brauche fünf Sechstel meiner Energie, um den Sturmwind festzuhalten, das sechste Sechstel brauche ich um so zu tun als wäre nichts. Sie fragen nach Gefühlen, Herr Doktor? Die verweht der Sturmwind, ich spüre nichts anderes. Ich halte aus, schon seit Wochen. Wie lange halte ich das Aushalten noch aus?
„Dann bleiben Sie doch mehr auf der Station.“ Nein, Frau Pflegerin, das ist keine Hilfe, im Gegenteil. Für mich ist diese Station eine Tagesklinik mit Nächtigungspflicht, und ich habe gute Gründe dafür, meist nicht da zu sein, wenn gerade keine Therapie ist. Ja, ich bin froh um den geschützten Rahmen, damit meine ich vor allem, dass hier die Regel herrscht: Kein Alkohol! Denn selber habe ich es nicht mehr geschafft, nüchtern zu bleiben. Ja, ich bin auch froh darum, dass die Praxitendosis innerhalb kurzer Zeit auf null reduziert wurde. Denn selber habe ich das in einem halben Jahr nicht geschafft. Darum bin ich hier, aber ich brauche auch Zeit und Raum für mich, ich brauche das so dringend wie die Luft zum Atmen (die ich mir durch meine Raucherei selbst raube) und so dringend wie eine Marmeladesemmel am Vormittag (die mein Magen dann nicht wahrnimmt, der weiterhin „Hunger!“ schreit, egal, wann ich wie viele Semmeln ich esse), wenn es mir also schon an Luft fehlt und mein Sättigungsgefühl nicht funktioniert, will ich zumindest Zeit und Raum für mich, und das habe ich hier nicht. Denn hier sind die anderen Patienten, die mich dauernd anreden, sobald ich aus dem Zimmer gehe. Entweder sie erzählen mir von ihren Problemen, oder sie wollen plaudern. Beides kostet mich Nerven, die ich nicht habe. Schwer zu sagen, was unerträglicher ist: So zu tun, als würde ich interessiert zuhören, wenn sie von ihren Problemen erzählen, oder das Gerede zu ertragen. Ich selber bin in beiden Fällen einsilbig, alles andere ist sinnlos, selbst etwas zu erzählen habe ich längst aufgegeben, zuhören kann hier keiner. Und wenn ich im Zimmer bin, ist es nicht anders, da reden meine Zimmerkolleginnen mit mir, sogar wenn ich lese. Nicht einmal in der Nase bohren kann ich hier, ohne dass es jemand registriert.
„Ich habe monatelang Stimmen gehört, die mir sagten, ich soll mich umbringen. Aber ich habe auch Gottes Stimme gehört, er hat gesagt, ich soll mich nicht umbringen, und ich habe auf ihn gehört.“ Liebe Zimmerkollegin, würde ich gerne sagen, es ist ja schön, wenn Dir Dein Glaube an Gott Halt gibt, aber die Stimme Gottes, die Du hörst, gibt es genauso wenig wie die anderen Stimmen, und jetzt lass mich weiterlesen, Du störst. Das sage ich nicht, sondern stimme nur höflich zu und hoffe, dass sie nichts mehr sagt. Und lese, bis ich das nächste Mal gestört werde, kleistere mir das Gehirn mit billigen Krimis zu, so kann ich meinen Hunger halbwegs im Zaum halten, aber eben nur halbwegs: der Hunger drängt sich auf, ich schiebe ihn weg, er kommt alle paar Minuten wieder, ich schiebe ihn wieder weg und pappe eine Schicht Krimi darüber.
„Früher habe ich alle möglichen Drogen genommen, dann habe ich lange zwei Flaschen Schnaps pro Tag getrunken. Jetzt trinke ich täglich zwei Flaschen Wein.“ Das sagt ein Mitpatient in der Gruppentherapie. Ich sage, ich finde es toll, dass er seinen Drogenkonsum so weit eingeschränkt hat. Von der Pflegerin, die die Gruppe leitet, kommt jedoch kein Wort der Anerkennung für ihn, sie sagt, dass die Menge egal sei, zwei Flaschen Schnaps seien dasselbe wie zwei Flaschen Wein, denn von beidem sei man abhängig, das sei wie Darmkrebs oder Blutkrebs, an beidem sterbe man. Mit mühsam beherrschter Wut antworte ich, dass das nicht dasselbe ist, denn, um bei dem Vergleich zu bleiben: Zwei Flaschen Schnaps sind wie wuchernder Darmkrebs (an einem solchen ist meine Tante mit knapp über 50 innerhalb eines Jahres verstorben), zwei Flaschen Wein hingegen wie ein langsam wachsender Blutkrebs (einen solchen hatte mein Großvater zehn Jahre lang, bevor er an einem Gehirnschlag starb). Die Pflegerin antwortet kurz, das stimme nicht. Ich sage: „Doch, denn mit zwei Flaschen Wein täglich kann man sich noch um die grundlegendsten Dinge kümmern.“ Damit meine ich: Amtswege erledigen, damit man Geld bekommt, Rechnungen bezahlen, die Wohnung halbwegs sauber halten, Lebensmittel einkaufen etc. Mit zwei Flaschen Schnaps täglich funktioniert das alles kaum mehr, da wird man zum Sandler. Mit zwei Flaschen Wein täglich kann man sogar eine fixe Arbeit haben. Aber die Pflegerin schneidet mir das Wort ab, indem sie das Thema wechselt.
„Guten Abend.“ Es ist Zeit für die Abendmedikation. Für mich sind zwei Tabletten vorgesehen, eine Lyrica und ein halbes Praxiten. Lyrica, denke ich, was für ein poetischer Name für ein Psychopharmakon, wie kann man ein Medikament so nennen?! Sinnlos, sich darüber Gedanken zu machen, es ist indiziert und macht nicht süchtig, also nehme ich es. Ja, mein Ziel ist: weniger Medikamente, am besten keine, aber manche Ziele erreicht man nur über Umwege. Das halbe Praxiten will ich nicht nehmen, schließlich bin ich auf Entzug und spüre, dass jetzt eine weitere Reduktion möglich ist. Die Ärzte propagieren einen langsamen Entzug, aber ich will so schnell wie möglich weg vom Praxiten. Die Pflegerin wendet ein: „Da werden die Ärzte aber keine Freude haben!“ Ich antworte: „Ich bin nicht hier, um den Ärzten eine Freude zu machen.“
„Sie wollen doch nicht etwa die Pflegeausbildung in Frage stellen?“ fragt mich der Pflegeleiter. Ich sitze in seinem Büro und beschwere mich über die Handlungsweise einer Pflegerin. Doch, Herr Pflegeleiter, ich stelle die Ausbildung in Frage. Vor allem, wenn trotz dieser Ausbildung ein solches Verhalten möglich ist, aber auch grundsätzlich: Es geht hier um die Unterscheidung zwischen Quantität und Qualität. Damit meine ich, dass die Menge an Ausbildung, die jemand erworben hat, nicht so sehr zählt, wie das, was er oder sie aus dieser Ausbildung macht. Es gibt Menschen, die zwar viele Prüfungen bestanden haben, diese Theorie aber nicht in die Praxis umsetzen können. Und es gibt Menschen, die über wenig Ausbildung verfügen, das aber durch Interesse, Reflexionsvermögen, Lernbereitschaft, in diesem Fall auch: Empathie nicht nur ausgleichen, sondern sogar bessere Arbeit leisten als erstere. „Sie hat jahrelange Erfahrung in der psychiatrischen Pflege, wollen Sie das etwa auch in Frage stellen?“ sagt der Pflegeleiter etwas später. Ja, ich stelle auch Erfahrung in Frage, Herr Pflegeleiter, auch hier gibt es Quantität, also die Anzahl der Berufsjahre, und Qualität, also das, was jemand in dieser Zeit lernt. Auch hier gilt: es gibt Menschen, die in sehr langer Zeit sehr wenig lernen, andere in kurzer Zeit viel mehr. Das hängt wiederum von den oben genannten Faktoren ab. Dazu kommt, dass Erfahrung noch mehr zu hinterfragen ist als Ausbildung, denn im Rahmen einer Ausbildung erfolgt immerhin durch Prüfungen eine gewisse Kontrolle, bei der Erfahrung hingegen gar keine. „Das sample ist zu klein, das Resultat daher nicht repräsentativ, und für empirisch relevante Aussagen müsste man auch die Korrelation zwischen den Faktoren…“ Wieder Gruppentherapie, das Gespräch dreht sich um eine Studie, ich übe Kritik. Ein Mitpatient unterbricht mich: „Sag amal, kannsch du aa deitsch redn?“ Hm, ja, kann ich: „Die, ääh, Grundmenge, also ich meine: die Stichprobe ist zu klein, daher ist die… das Ergebnis nicht… man könnte vielleicht sagen kennzeichnend, naja, und für, ääh, gewissermaßen berechenbare… wesentliche Aussagen müsste man auch, ääh, die Wechselbeziehung zwischen den einzelnen…, naja, Tatsachen berücksichtigen.“ Das klingt, als würde eine Sprachstudentin den ersten Versuch in Simultandolmetschen machen. Es ist mühsam für mich, ohne Fremdwörter auszukommen, speziell, wenn ich Argumente formuliere. Sonst kann ich mich recht gut an Gesprächspartner anpassen, ich will nicht arrogant sein. Aber: welchen Zweck haben die vielen Fremdwörter überhaupt, muss ich denn dauernd beweisen, was für eine gebildete Frau ich doch bin?!

„Auf Wiedersehen, und alles Gute!“ – „Auf Wiedersehen, Herr Doktor!“ Der Psychiatrieaufenthalt ist zu Ende, und ich beeile ich mich wegzukommen.
Ich bin froh darüber, dass es unser Gesundheitssystem gibt, und allen, die dafür gearbeitet und gekämpft haben, dankbar. Es ist trotz Fehlern, Mängeln und Einsparungen eines der besten der Welt, das ist mir klar. Ich bin auch froh darüber, dass man die heutige Psychiatrie nicht mit der früheren vergleichen kann: In den „Irrenanstalten“ des 19. Jahrhunderts konnte man nur noch „irrer“ werden, nicht gesünder, über die Psychiatrie Anfang des 20. Jahrhunderts bis in die Zwischenkriegszeit las ich Schreckliches, in der Nazizeit war es bekanntlich noch schlimmer, das brauche ich hier nicht auszuführen. Und selbst in den 1980er Jahren wurden die Patienten noch „verwahrt“ – zumindest teilweise, ich erinnere mich an Besuche bei meiner Großmutter: es gab Schlafräume mit zehn Betten und verschlossene Türen auf einer offenen Station, Behandlung – außer Medikamente – kaum bis nicht; so lebte sie viele Jahre. Ich bin froh über die großen Veränderungen und allen, die dafür gearbeitet – und sicher auch teilweise gekämpft – haben, dankbar. Insbesondere ist es schön, dass es die Station, auf der ich war, gibt – es ist bisher die einzige, auf der ich länger als drei Tage geblieben bin. Dort bin ich nicht lediglich die Versicherungsnummer 1971, sondern ein Mensch mit psychischen Problemen – und vielen anderen Eigenschaften.
Dennoch beeile ich mich wegzukommen: auch wenn die Behandlung sehr gut war, bin ich froh, dass ich wieder nach Hause gehen kann. Geht das nicht jedem Patienten so? Ich hätte ehrlich antworten sollen: „Ich hoffe doch, auf Nimmerwiedersehen, Herr Doktor.“