Ruinenfriedensbruch

Ort: eine eher ruhige Straße, obwohl zentrumsnah, in einer mittelgroßen Stadt in Mitteleuropa
Zeit: frühes 21. Jahrhundert, später Nachmittag eines Wochentages

Eine Frau von Anfang 30 kommt von links auf die Bühne. Dunkelblonde Haare, blaue Augen. Sie trägt Jeans, T-Shirt und einen leeren Rucksack. In der Hand hat sie eine große leere Nylontragetasche.
Die Baustelle, ein fast komplett abgerissenes Haus, das den Großteil des Hintergrunds einnimmt, ist menschenleer.

Die Frau stellt ihre Tasche und den Rucksack ab und rüttelt an dem Gitter, das die Einfahrt der Baustelle verschließt. Da es sich nicht öffnet, klettert sie darüber. Nun befindet sie sich auf der Baustelle und beginnt, Betonbrocken von ca. 5 bis 10 kg aufzusammeln. Sie trägt sie vor die Einfahrt und stellt fest, dass die meisten davon flach genug sind, um durch den Spalt unter dem Gitter durchgeschoben zu werden. Sie sammelt noch einige flache Brocken und schiebt ca. 7 Brocken durch den Spalt auf den Gehsteig, klettert dann wieder über das Gitter, kniet nieder und beginnt, die Betonbrocken einzupacken.

2 Männer in Uniform nähern sich von rechts.

1. Mann in Uniform: „Was tun Sie hier?“
Frau: „Ich sammle Rohstoffe:“ (Sie hört auf, Betonbrocken einzupacken und steht auf.)
2. Mann in Uniform schweigt.
1. Mann in Uniform: „Was soll das?!“
Frau: „Ich betreibe Bildhauerei. Dafür brauche ich Steine, oder auch Betonbrocken.“
1. Mann in Uniform: „Was Sie hier machen, ist Hausfriedensbruch! Das ist Diebstahl!“
Frau (hinter sich auf die Baustelle blickend): „Man könnte das maximal als Ruinenfriedensbruch bezeichnen.“
1. Mann in Uniform: „Lassen Sie den Blödsinn, zeigen Sie mir Ihren Ausweis!“
Frau: „Oh, ich bedauere, aber ich habe nichts dabei – ich wollte das Haus nur für ein paar Minuten verlassen, daher habe ich meine Geldtasche nicht mitgenommen, und in der Geldtasche ist der Ausweis. Aber wenn Sie mitkommen – meine Wohnung ist gleich um die Ecke.“
1. Mann in Uniform ignoriert das Angebot und zückt das Diensthandy: „Hallo? Ist dort die Polizei, Dienststelle Innere Stadt? Ja, hier ist eine Frau, sie hat Hausfriedensbruch begangen und kann sich nicht ausweisen… ja… nein… ja, Lindenstraße, vor der großen Baustelle… gut, wir warten.“
Er legt auf und sagt zur Frau: „Die Polizei kommt gleich.“
Sie zuckt mit den Achseln.
Während die zwei Männer in Uniform und die Frau warten, kommt ein weiterer Mann in Uniform dazu.
Frau: „Hallo Eugen!“
Der dritte Mann in Uniform, verwirrt: „Hallo!“
Frau: „Erinnerst Du Dich nicht? Wir haben in der gleichen Musikkapelle gespielt. Du erste Klarinette, ich zweite. Ich heiße Nina.“
Der dritte uniformierte Mann: „Ach ja, hallo!“
Die anderen beiden uniformierten Männer blicken betont unverwandt in andere Richtungen. Es ist ihnen sichtlich unangenehm, dass diese Frau ihren Kollegen kennt.
Der 1. Mann in Uniform wiederholt: „Die Kollegen von der Polizei kommen gleich.“
Frau (seufzt): „Die Kollegen von der Polizei? Das sind nicht Ihre Kollegen.“ Sie spricht in erklärendem Tonfall. „Sie sind Angestellter einer privaten Security-Firma, das sehe ich am Logo auf Ihrer Uniform: Sie sind bei ‚Safety‘. Als solcher haben Sie lediglich die gleichen Rechte wie jeder andere Staatsbürger, jede andere Staatsbürgerin. Ich will Sie damit nicht persönlich abwerten, wirklich nicht. Nur: Ich finde es generell fragwürdig, wenn private Unternehmen die Rolle der Polizei übernehmen. Ich finde es speziell fragwürdig, wenn eine Uniform dazu missbraucht wird, Autorität vorzutäuschen. Ihr Unternehmen baut auf diese scheinbare Autorität auf, darauf, dass die Leute nicht Bescheid wissen und deshalb gehorchen. Was, wenn das jeder macht? Jede rechtsextreme Bewegung, oder die, die in der Kronenzeitung als ‚linke Chaoten‘ bezeichnet werden? Oder auch fanatische Anhänger von welcher Religion auch immer? Dann sind die Straßen irgendwann voll mit uniformierten Männern und Frauen, die Passantinnen und Passanten nach Belieben aufhalten und kontrollieren oder das zumindest versuchen, die auf der Einhaltung von Regeln bestehen wollen, und es könnte sein, dass diese Regeln gar nicht dem geltenden Recht entsprechen…“
1. Mann in Uniform: „Verdammt, worauf wollen Sie hinaus? So weit sind wir nicht, und ‚Safety‘ ist eine seriöse Firma. Unsere Geschäftsführung hat einen Vertrag mit der Stadt, das ist alles legal. Meine Aufgabe ist es, die Polizei zu unterstützen, zu entlasten, das ist im Interesse der öffentlichen Sicherheit! Und Sie haben geltendes Recht gebrochen!“
Frau: „Hmmm, der Vertrag mit der Stadt und damit Ihre Aufgabe umfasst lediglich die Parkraumüberwachung… nur der Besitzer der Ruine könnte mich auf Unterlassung klagen. Lesen Sie in der Strafprozessordnung nach, § 80… Sie dürfen mich anhalten, bis die Polizei da ist, das ist ein Jedermannsrecht, das hat mit Ihrem Job bei ‚Safety‘ nichts zu tun, aber nur mit den gelindesten Mitteln. Das heißt, wenn ich jetzt weggehen will und Sie mich daran physisch hindern, ist es fraglich, ob das in Anbetracht der ‚Schwere‘ meines Vergehens gerechtfertigt ist.

Ein Mann – etwa 45, mit langen blonden Haaren – kommt vorbei. Er sieht die drei Männer in Uniform.
„Hallo Nina, was machst Du denn da?“
„Naja, es geht um Hausfriedensbruch.“
Der langhaarige Mann wirft einen Blick auf die Baustelle und sagt: „Naja, da kann es sich wohl maximal um Ruinenfriedensbruch handeln.“ Sie lächeln sich zu, er geht weiter. Der 2. Mann in Uniform unterdrückt ein Grinsen. Der 1. Mann in Uniform sieht grimmig drein.
Frau zum 1. Mann in Uniform: „Sagen Sie mal, ist Humorlosigkeit eine Einstellungsvoraussetzung bei ‚Safety‘?“
Der 1. Mann in Uniform sieht noch grimmiger drein. „Wie heißen Sie?“
Frau: „Nina Mayer.“
1. Mann in Uniform: „Wie schreibt man das?“
Frau: „Mayer mit aye.“
1. Mann in Uniform: „Wie das berühmte Modell also? Na, so sehen Sie aber nicht gerade aus.“
2. Mann in Uniform, vorwurfsvoll: „Aber Franz! ...“
Frau (ignoriert die Beleidigung): „Ja genau, wie das berühmte Modell. Wissen Sie, das ist meine große Schwester. Meine dumme große Schwester. Es kam alles so: Schon vor unserer Geburt hat man uns gefragt, wer die Schönheit haben will und wer das Hirn. Meine große Schwester rief gleich: ‚Ich nehme die Schönheit!‘ und bekam sie. Und ich das Hirn. Meine große Schwester war aber nicht ganz zufrieden und sagte zu mir: ‚Gib mir doch ein bisschen von deinem Hirn ab, du bekommst dafür etwas von meiner Schönheit!‘ Ich war einverstanden, und wir haben getauscht: Sie war danach nicht mehr ganz so dumm, ich ein bisschen schöner. Wir waren beide zufrieden: Sie hat dann später immerhin den Hauptschulabschluss geschafft, und ich bin als Vogelscheuche unbrauchbar.“
1. Mann in Uniform: „Hören Sie auf, Unsinn zu erzählen! Sie heißen also Mayer, ok. Und Ihre Staatsbürgerschaft? Sind Sie Österreicher? Ohne Ausweis kann ich weder Ihren Namen überprüfen noch, ob Sie überhaupt österreichischer Staatsbürger sind!“
Frau: „Wie schon gesagt, einen Ausweis habe ich leider nicht dabei. Dass ich Ihnen meinen Namen gesagt habe, war ein Entgegenkommen von mir – wobei ich mich über mich selbst wundere und mich frage, warum ich Ihnen eigentlich entgegenkomme. Möglicherweise liegt das daran, dass ich – wie so viele – doch ein bisschen zu autoritätsgläubig und obrigkeitshörig bin, und Ihre Uniform genügt, um mich dazu zu bringen, mehr zu sagen als ich müsste. Vielleicht komme ich Ihnen aber auch nur entgegen, weil ich hoffe, mir dadurch weitere Umstände zu ersparen. Und bezüglich der Staatsbürgerschaft: Ich versichere Ihnen, dass ich kein Österreicher, dass ich kein österreichischer Staatsbürger bin.“
1. Mann in Uniform, triumphierend: „Ach so? Was sind Sie dann?“
2. Mann in Uniform, beruhigend: „Aber Franz! ...“
Frau: „Ich bin Österreicherin, ich bin österreichische Staatsbürgerin.“
1. Mann in Uniform schüttelt den Kopf und schnaubt vor Wut.
Frau (sanft): „Zurück zu meinem Verbrechen: Ja, ich habe das Schild ‚Betreten verboten‘ ignoriert. Dieses Schild wurde von der bauführenden Firma aufgehängt, um Haftungsproblemen vorzubeugen. Diese kann mich zivilrechtlich auf Besitzstörung klagen. Ja, ich bin über den Zaun geklettert. Aber: Habe ich damit jemandem etwas getan? Jemandem Schaden zugefügt? Wenn, dann habe ich mich selbst gefährdet. Aber mir ist nichts passiert, und selbst wenn, wäre es doch mein Problem, nicht?“
1. Mann in Uniform: „Naja, aber was, wenn das jeder täte?“
Frau: „Erstens bin ich nicht ‚jeder‘, sondern wenn, dann ‚eine‘. Und zweitens: selbst wenn das jeder und jede täte, wo wäre das Problem?“

Ein Polizeiauto nähert sich, der 1. Mann in Uniform winkt, das Auto bleibt stehen, zwei Polizisten steigen aus.
1. Polizist: „Grüß Gott, was ist denn hier los?“
2. Polizist: „Grüß Gott.“
Frau: „Grüß Sie, naja, ich bin über den Zaun geklettert, und ich wollte diese Betonbrocken mitnehmen.“ Sie zeigt auf die vor dem Zaun herumliegenden Brocken.
1. Polizist: „Sie haben also unbefugt die Baustelle betreten… und Sie haben keinen Ausweis dabei?“
Frau: „Nein, leider nicht. Mein Ausweis ist zu Hause, aber das ist nicht weit.“
1. Polizist: „Ach, lassen wir das… wir haben keine Zeit für solche Lappalien. Machen Sie das halt nicht nochmal!“
Frau: „Ok, und die Betonbrocken, kann ich die mitnehmen?“
1. Polizist: „Ja.“