Scheiß-Ausländer

„Und dann ist diese Flüchtlingsfrau gekommen, hochschwanger, natürlich. Sie hat ihr Kind geboren, einen süßen Buben, er hatte ganz schwarze Locken, stellt euch vor, ein neugeborenes Kind mit schwarzen Locken. Die Mutter, naja, ihr wisst schon, konnte kaum Deutsch. Am nächsten Tag sind zwei Frauen von der Caritas gekommen, die haben ihr zwei Kartons voll Babykleidung mitgebracht. Ein paar Tage später sind die Flüchtlingsfrau und ihr Baby nach Hause gegangen, zurück ins Flüchtlingsheim. Und stellt euch vor, sie hat die zwei Kartons voll Babykleidung einfach dagelassen! Sowas von undankbar!“
Das erzählt Karoline, sie arbeitet auf einer Säuglingsstation. Ich weiß zuerst nicht recht, was ich antworten soll, und murmle eine vage Zustimmung. Später denke ich nach. Warum hat die Flüchtlingsfrau die geschenkten Kleider zurückgelassen?
Spenden… geschenkte Dinge… Ich glaube, davon bekommen Hilfsorganisationen mehr als genug. Es ist doch so: Wir haben alle viel zu viel von fast allem, dennoch widerstrebt es uns, Dinge, die wir nicht mehr verwenden, die jedoch noch verwendbar, ja oft fast wie neu sind, wegzuwerfen. Also bewahren wir alles auf, der Keller ist voll, die Abstellkammer auch. Und irgendwann wirft man die gebrauchten Klamotten in den Altkleidersammelcontainer. Kleider spenden bedeutet bei uns nicht: Ich gebe etwas her, das ich selbst noch gut brauchen könnte, aber jemand anderer braucht es dringender. Nein, Kleider spenden bedeutet für uns: Überflüssiges loswerden, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen, weil man etwas Brauchbares in den Müll wirft. Sich dabei noch großzügig fühlen können.
Also, Kleiderspenden gibt es mehr als genug. Wahrscheinlich hatte die Flüchtlingsfrau schon zwei Kartons voll Babykleider. Hat man sie denn gefragt, ob sie noch welche braucht? Dafür braucht man nicht mal einen Dolmetscher, das geht auch, indem man mit Händen und Füßen spricht.
Hätte sie die Kartons mitgenommen, hätte sie keinen Platz mehr in ihrem Kleiderschrank gehabt. Infolgedessen hätte sie einen weiteren Schrank gebraucht, und wenn sie irgendwoher einen alten Schrank bekommen hätte, hätte sich herausgestellt, dass das Zimmer jetzt zu klein ist, und sie hätte nach einem größeren Zimmer fragen müssen. So machen wir das ja auch, der Wohnraum, den jeder hat, ist in den letzten Jahrzehnten enorm angestiegen, es gibt mittlerweile sogar Abstellflächen zum Mieten. Mehr, mehr, mehr… Aber: Der Kleiderschrank steht in einem Flüchtlingsheim, und die Zimmer dort sind nicht so groß. Größere Zimmer sind nicht zu haben. Das weiß die Flüchtlingsfrau auch, aber ihre Deutschkenntnisse reichen nicht, um das zu erklären. Würde sie zuerst nach einem weiteren Kleiderschrank, dann nach einem größeren Zimmer fragen, hieße es erst recht: Sowas von undankbar! Also hat die Flüchtlingsfrau die geschenkten Kleider zurückgelassen. Sie weiß, sie hat genug Kleidung für ihr Kind. Das genügt ihr.

„Bei uns im Haus ist ein Lift, ich gehe aber immer zu Fuß in den vierten Stock. Warum? Die Liftbenützung kostet vierzig Euro im Monat. Jaja, das hat sich die Stadt fein ausgedacht… ist nämlich eine Gemeindewohnung. Nur die Ausländer, die kriegen das billiger, die wissen ja immer, was sie vom Staat kriegen und wo und wie viel. Ja, man müsste schon Ausländer sein, um sich den Lift leisten zu können…“ erzählt meine Arbeitskollegin. Ich möchte widersprechen, komme aber nicht zu Wort, denn sie hat ohne Übergang das Thema gewechselt und erzählt vom letzten Urlaub. Der „Ausländerbonus“, den es auf Ämtern angeblich gibt… ich kann es nicht mehr hören. Denn: Jede Leistung des Staates ist geregelt, es gibt Anspruchsvoraussetzungen, Grenzwerte, Bemessungsgrundlagen… die sind für jeden gleich. Da kann der einzelne Sachbearbeiter gar nicht anders, als diese Vorgaben zu beachten, sonst riskiert er seinen Job. Und warum sollte ein Sachbearbeiter seinen Job riskieren für einen Unbekannten, einen Fremden? Manchmal gibt es einen Ermessenspielraum, aber der ist gering. Und warum sollten Sachbearbeiter diesen Ermessensspielraum immer zugunsten von Ausländern ausschöpfen? Sachbearbeiter sind Durchschnittsmenschen und neigen daher durchschnittlich oft – also eher schon als nicht – zu den ganz alltäglichen Vorbehalten gegen Nichtösterreicher („Ich habe ja nichts gegen Ausländer, aber…“). Also kann es keinen „Ausländerbonus“ auf Ämtern geben.

„Und jetzt kriegen diese Asylanten vom Staat schon Gutscheine für Taxis!“
„Oma, wo hast du diesen Unsinn her?“
„Das hat mein Nachbar erzählt, er hat’s genau gesehen!“
„Was hat er genau gesehen?“
„Also, da war ein Asylant, und der hat einem Taxifahrer einen Gutschein gegeben. Der ist mit dem Taxi zum Einkaufen gefahren! Der Staat verteilt solche Gutscheine an Asylanten, und ich kann mir kein Taxi leisten. Nie. Und der Weg vom Supermarkt nach Hause ist weit, mühsam ist das, wenn man zwei Einkaufstaschen trägt. Nicht einmal einen Bus gibt es! Kein Wunder, wenn der Staat alles den Asylanten gibt!“
„Oma, jetzt mal langsam. Erstens hilft dir dein Sohn, er fährt mit dir jede Woche einmal einkaufen. Zweitens hilft dir dein Nachbar, denn auch wenn er blöde Gerüchte verbreitet, ist er doch hilfsbereit. Ihr geht oft gemeinsam einkaufen, und er trägt dann die Taschen für dich.“
„Richtig, aber blöde Gerüchte verbreitet er nicht. Was er sagt, stimmt.“
„Ach so, dann erkläre mir mal bitte: Was hat dein Nachbar genau gesehen? Wer war in dem Taxi?“
„Na eben der Taxifahrer und ein Asylant!“
„Woran sieht man, ob jemand Asylant ist? Hatte er ein Schild um den Hals hängen?“
„Nein, natürlich nicht, aber so etwas sieht man doch!“
„Woran?“
„Er hatte dunkle Haare! Und dunkle Augen! Und dunkle Haut!“
„Das haben viele – vielleicht kommen seine Eltern aus der Türkei, und er ist hier geboren. Oder er war Tourist aus einem südlichen Land. Oder…“
„Es war ein Asylant! Es war sicher kein Österreicher!“
„Naja. Was hat dein Nachbar noch gesehen?“
„Der Asylant hat dem Taxifahrer einen Gutschein gegeben!“
„Hmmm… Also: Wenn man an einem Taxi vorbei geht, sieht man nicht so genau, was die Personen in dem Taxi tun. Da muss man schon neben dem Taxi stehen bleiben und hineinstarren. Glaubst du, dass dein Nachbar das getan hat?“
„Nein, aber…“
„Gut, wie will er dann wissen, was der Fahrgast dem Taxifahrer gegeben hat? Ob das nun ein Geldschein war oder etwas anderes?“
„Es war ein Gutschein! Ein Taxigutschein vom Staat für Asylanten!“
„Oma, dann muss dein Nachbar Augen haben wie ein Luchs! Wie konnte er lesen, was auf diesem ‚Gutschein‘ stand?“
„Jetzt reicht es mir aber! Nur um recht zu behalten, wirst du unlogisch! Du bist eben eine von diesen linken Gutmenschen. Es kommt aber noch schlimmer: Eine Asylantenfamilie bekommt pro Monat zehntausend Euro vom Staat!“ „So viel bekommt nicht einmal der Bundespräsident, Oma.“
„Mein Nachbar hat’s im Internet gelesen!“
„Im Internet steht viel. Auf welcher Seite hat er denn das gelesen? Solchen Schwachsinn traut sich ja nicht einmal die Kronenzeitung auf krone.at zu schreiben!“ „Es stimmt! Ganz sicher! Zehntausend Euro für eine Asylantenfamilie pro Monat!“
„Oma, ich kenne einige Flüchtlinge. Dschihad, er kommt aus dem Irak,…“
„Dschihad! Wenn einer schon so heißt!“
„Ganz ruhig. ‘Dschihad‘ bedeutet schlicht „Anstrengung auf dem Weg zu Gott“. Wenn man es wörtlich übersetzt. Dschihad kann nichts dafür, dass es meist mit „Heiliger Krieg“ übersetzt wird. Dschihad also wohnt in einem Flüchtlingsheim. Dort bekommt er Kost und Logis – das kostet den Staat 21 Euro pro Tag, also rund 630 Euro monatlich – und 40 Euro Taschengeld. Mohammed aus Syrien hat ein privates Zimmer. Für Lebensmittel bekommt er 215 Euro pro Monat, dazu 40 Euro Taschengeld. Für Bekleidung bekommt jeder Asylwerber 150 Euro pro Jahr. Achja, und für das Vermieten bekommt der Hausbesitzer keine reguläre Miete, sondern nur 150 Euro pro Monat. Genaueres kannst du im Internet nachlesen.“
„Du hast gerade vorhin selbst gesagt, dass man dem Internet nicht trauen kann!“
„Oma, heute stehen auch Gesetze im Internet. Komm, wir lesen mal im RIS nach: www.ris.bka.gv.at, das sind alle Gesetze Österreichs – online. Was du dort liest, kannst du glauben, das wird dir jeder Jurist bestätigen. Schau, hier haben wir die Grundversorgungsvereinbarung . Artikel 9, hier steht alles im Detail. Genau wie ich es gesagt habe.“
„Mein Nachbar hat aber von einer Familie gelesen!“
„Gut, dann nehmen wir mal an: Eine Familie mit drei Kindern, die in einer Wohnung lebt, bekommt für Lebensmittel zweimal 215 Euro für die Erwachsenen, also 430 Euro. Dazu kommen noch 100 Euro pro Kind, also 300 Euro. 430 und 300 sind 730 Euro pro Monat. Das ist nicht viel für Lebensmittel für eine fünfköpfige Familie.“
„Du hast das Taschengeld vergessen! Und das Bekleidungsgeld! Sogar für die Schule bekommen sie Geld!“
„Richtig, dazu kommen noch fünf Mal vierzig Euro Taschengeld, also 200 Euro. Wir sind bei 930 Euro pro Monat. Legt man das Schulgeld und das Bekleidungsgeld auf ein Monat um, so sind das bei drei Kindern 87,50 Euro. Du hast selbst drei Kinder großgezogen, Oma. Du weißt, dass das wenig ist für Schule und Kleidung. Viel zu wenig, eigentlich. Jeden September wieder hast du gejammert, wie teuer Schulsachen sind, vor jedem Sommer, jedem Winter über die Kosten für Kinderkleidung. In Summe sind wir jetzt bei 1.017,50 Euro. Achja, die Erwachsenen bekommen auch Bekleidungsgeld, also kommen noch einmal 25 Euro dazu. Außerdem zahlt der Staat noch 300 Euro Miete, also insgesamt 1.342,50 Euro.“
„Na, dann hat diese Familie, von der mein Nachbar im Internet gelesen hat, eben mehr Kinder gehabt!“
„Oma, rechne mal nach – diese Familie hätte 54,18 Kinder haben müssen!“
„Weiß doch jeder, dass die viele Kinder haben!“