Sie wünschen?

Es ist Sonntagnachmittag, ich sitze im Kaffeehaus, trinke meinen Cappuccino und beobachte über den Rand meiner Zeitung hinweg die anderen Kaffeehausbesucher.
Das Café hat alles, was zum „Wiener Café“ dazugehört: Eine Auswahl Kaffeespezialitäten auf der Getränkekarte, Kuchen in einer Vitrine, Marmortischchen und unfreundliche Kellner. Das Publikum gehört sichtlich samt und sonders der oberen Mittelschicht an, Intellektuelle blättern in der „Financial Times“ oder in der „Le monde diplomatique“, während sie ihre Espressi nippen. An anderen Tischchen sitzen junge Frauen zu zweit oder zu dritt, unterhalten sich über ihren Beruf oder über ihre Freunde, ab und zu lacht eine auf und wirft dabei den Kopf etwas zurück. Alle Anwesenden sind gepflegt gekleidet, die Männer tragen Hosen mit Bügelfalte, polierte Schuhe und farblich passende Hemden. Die Frauen im modischen Kostüm, mit Seidenstrümpfen und weißer Bluse.
Die Gespräche an den Tischen mischen sich zu einem monotonen Raunen, gelegentlich piepst, schrillt oder dudelt ein Handy. Der Rauch von dutzenden Zigaretten hängt im Raum. Dort, wo die Sonne durch die großen Fenster fällt, kann man beobachten, wie sich die einzelnen Rauchkringel in einem schwachen Luftzug bewegen, wie die Konturen des Kringels unschärfer werden, bis er sich nach einigen Sekunden auflöst. Ab und zu geht die Eingangstür auf, jemand kommt oder verlässt das Café. Jedes Mal bringt der Schwall frischer Luft, der durch die Tür kommt, die Rauchkringel in hektische Bewegung. Diese Tür trennt die warme vertraute Kaffeehausinsel von dem grauen Großstadtmeer. Die Ankommenden wirken atemlos und abgekämpft, wenn sie die Tür aufstoßen; als wären sie Schiffbrüchige, die versuchen, den Wellen des Alltags zu entfliehen; sie werden auf der Kaffeehausinsel angespült. Während die Tür hinter ihnen wieder zufällt, bleiben sie noch im Eingangsbereich stehen und blicken sich um, auf der Suche nach einem Freund, mit dem sich verabredet haben oder nach einem freien Tisch. Wenn sie sich dann wieder in Bewegung setzten, im Gehen den Mantel aufknöpfend, haben sie die gehetzte Miene abgelegt, und indem sie sich setzen, sind sie zu Bewohnern der Kaffeehausinsel geworden. Sie greifen zur Zeitung oder begrüßen ihren Freund.
Der Kellner nähert sich dem Tisch und fragt: „Sie wünschen?“. Der neue Gast – ein junger Mann mit Cordhosen und einem Pullover mit dem Label einer teuren Modefirma, mit einem spitzen Gesicht und einer silbernen Brille – besinnt sich einen Moment. „Eine nette Freundin wünsche ich mir“, scheint er sagen zu wollen. „Wissen Sie, sonst geht’s mir gut, ich bin im Studium sehr erfolgreich, und meine Eltern unterstützen mich finanziell. Also wünsche ich mir nicht mal einen Sechser im Lotto. Ich habe auch eine Handvoll Bekannte, wie der junge Mann, der mir gegenübersitzt. Ich werde ein paar angenehme Stunden lang mit ihm hier plaudern. Aber wenn Sie mich fragen, was ich mir wirklich wünsche – ja, eine Freundin hätte ich gern.“ Natürlich besinnt er sich, und bevor der Kellner ungeduldig werden kann, macht der etwas hilflose Gesichtsausdruck einem Lächeln Platz. „Einen Verlängerten bitte“, sagt er.
Der Kellner fragt eine sehr elegant gekleidete junge Frau – sie trägt einen cremefarbenen Rock mit dazu passendem Pullover, dazu hochhackige Schuhe, die ihre schlanken Beine betonen; selbst der Lidschatten ist auf die Farbe ihrer Kleidung abgestimmt – der Kellner fragt sie also: „Sie wünschen?“. „Ich wünsche mir, mich einmal sattessen zu können, ohne an meinen Diätplan denken zu müssen“, will sie sagen. „Ich wünsche mir jetzt einen Kakao und eine Cremeschnitte bestellen zu dürfen, ich wünsche mir, dass sich meine schlanke elegante Freundin, die mir gegenüber sitzt eine Sachertorte mit Schlagobers bestellt, damit wir gegenseitig von unseren Süßigkeiten kosten können. Und dass sie mir scherzhaft einen Klecks Sahne auf die Nasenspitze setzt. Ich würde mich revanchieren, indem ich mit Cremeschnittenstückchen auf sie werfe, und sie muss versuchen die Tortenstückchen mit dem Mund aufzufangen. Wir würden eine richtige Tortenschlacht machen, ohne auf unsere Kleider zu achten, ein Tortenfestessen, ohne uns um unsere Figur zu kümmern. Stattdessen werde ich mich sittsam mir ihr über Mode und Diäten unterhalten.“ Aber natürlich spricht sie diese flüchtigen Gedanken nicht aus, sondern antwortet freundlich: „Ein Cola light, bitte.“ und fragt dann ihre Freundin, wo diese denn ihre hübsche Bluse gekauft habe.
Der Kellner fragt einen älteren Herrn: „Und was wünschen Sie?“ Der ältere Herr zögert einen Moment. „Was ich mir wirklich wünsche, kann ich nirgendwo kaufen“, denkt er sich. „Ich wünsche mir, dass dieses Stechen in meinem Rücken aufhört. Ich wünsche mir, dass ich mich wieder bücken kann, um mir die Schuhbänder zuzubinden, ohne dass ich dabei das Gefühl habe, dass meine Wirbelsäule aus dem Fleisch gerissen wird. Oder dass die Schmerzen zumindest in der Nacht nachlassen...“. Er fasst sich und antwortet: „Ein kleines Bier, bitte.“
Während der Kellner das Bier, zapft denkt er sich: „Ich frage den ganzen Tag die Gäste nach ihren Wünschen. Und keiner kommt auf die Idee mal zurückzufragen: ‚Und Sie, was wünschen Sie sich?‘ Dann würde ich nämlich sagen: ‚Mein Herr, ich wünsche mir, jetzt dieses schwarze Jackett ablegen zu dürfen. Mir ist nämlich zu heiß. Ich wünsche mir, die Krawatte zu lockern und den obersten Hemdknopf aufzumachen. Und dann würde ich mich auf die Bank legen, auf der Sie gerade sitzen, mein Herr, und die Beine hochlagern. Durch das dauernde Herumlaufen habe ich nämlich geschwollene Beine und schmerzhafte Krampfandern.‘“ Er trägt das kleine Bier mit einem diensteifrigen Lächeln zu Tisch 9. Der linke Schuh drückt.
Der nächste Gast ist eine Dame um die 50. Der Kellner eilt zu ihrem Tisch und fragt: „Guten Tag, Sie wünschen?“. Die Dame zieht die Augenbrauen zusammen. Einen Moment lang sieht es so aus, als würde sie sagen: „Ich wünsche mir einen anderen Ehemann. Ich wünsche mir, ich hätte nicht Jahre damit verbracht, drei Kinder großzuziehen, die jetzt alle erwachsen sind und wenig Zeit für mich haben. Oder, wenn das schon nicht möglich ist, hätte ich gerne, dass mein Chef endlich einsieht, dass es höchste Zeit ist für eine Gehaltserhöhung. Das einzufordern traue ich mich nämlich nicht. Er findet, dass ich froh sein solle dass er mich – nach mehrjähriger „Kinderpause“ (das Wort ist der reinste Hohn, wann hatte ich mit drei kleinen Kindern und wenig Geld mal eine Pause?) – überhaupt noch angestellt hat. Das war vor 15 Jahren. Und er erwartet sich noch immer Dankbarkeit dafür. Er erwartet sich, dass ich seine Launen mit einem Lächeln hinnehme. Bei dem mickrigen Gehalt fällt mir das Lächeln aber manchmal schwer.“ Aber natürlich sagt sie das nicht. Der Kellner ist schließlich keine gute Fee, die einem erscheint und anbietet, drei Wünsche zu erfüllen. Sie zwingt sich dazu, diese Gedanken beiseite zu schieben und bestellt einen Verlängerten. Während sie dann ihren Kaffee trinkt, kann sie nicht aufhören an morgen, Montagmorgen, zu denken. Und ihr graut vor dem Beginn einer neuen Arbeitswoche.
So vergeht der Nachmittag. Die Sonne verschwindet hinter einem Haus, der Kellner räumt Tische ab, bringt Kaffee oder gefüllte Biergläser, leert Aschenbecher. Wenn ein Gast bezahlt hat und sich zum Gehen wendet, grüßt er freundlich: „Auf Wiedersehen! Und einen schönen Tag noch!“. Einen schönen Tag... einen schönen Tag... echot es in meinem Kopf. Was ist das, ein schöner Tag? Dauernd wünschen wir uns gegenseitig „einen schönen Tag“ oder „ein schönes Wochenende“. Diese Floskel ist in den letzten Jahren Mode geworden. Wer erlebt schöne Tage? Gibt es die überhaupt?
Meine Kaffeetasse ist leer. Der Kellner fragt: „Wünschen Sie noch etwas?“. „Moment“, antworte ich und greife nach der Getränkekarte. Der Kellner merkt, dass es zwecklos ist, an meinem Tisch stehenzubleiben, und entfernt sich. Die Getränkekarte ist gegliedert nach Alkoholfreien Getränken (Cola, Orangensaft, Mineralwasser etc.), Heißen Getränken (Kaffeespezialitäten, verschiedene Tees) und Alkoholischen Getränken (die übliche Auswahl an Bier, Wein und Spirituosen). Der Inhalt der Getränkekarte ist mir wohlbekannt, ähnliche Getränkekarten finden sich in ähnlichen Cafés fast überall auf der Welt. Ich kann mich nicht entscheiden, was ich bestellen soll. Das ist das Problem: Nie kann ich mich entscheiden. Kaffee? Ich hatte schon einen, von zu viel Kaffee bekomme ich Sodbrennen. Tee? Ich kann mich nicht dazu durchringen, ein Kännchen „Fühl-dich-wohl-Tee“ zu bestellen. Auch der „Kirschblütentee mit einem Hauch von Zimt und Honig“ ist mir suspekt. Vielleicht den „1001-Nacht-Tee“ der als „traumhaft-belebend und rätselhaft wie ein orientalisches Märchen“ beschrieben wird? Nein, lieber etwas Kaltes... Cola, Fanta und andere Softdrinks scheiden aus. Pure Chemie, schmeckt mir nicht. Vielleicht ein vitaminreicher Fruchtsaft? Nein, ist nicht fairtrade. Die stickige Luft der Kaffeehausinsel, der leichte Parfumgeruch der in der Luft liegt schnüren mir die Kehle zu. Der Kellner trägt ein Stück Biskuitroulade an meinem Tisch vorbei zu einer anderen einsamen Schiffbrüchigen, es ist eine ältere Dame mit grauen Dauerwellen und mehreren Goldringen an jeder Hand. Er wirft einen Blick in meine Richtung. Ich starre angestrengt auf die Getränkekarte. Als der Kellner das nächste Mal vorbeikommt, bestelle ich ein Mineral Zitrone als geringstes Übel. Die vielen unerfüllten Wünsche der anderen Gäste schweben über die Kaffeehausinsel und mischen sich mit dem Zigarettenrauch. Das Atmen fällt mir noch immer schwer.
Mein Hirn hatte das monotone Raunen eine Zeitlang ausgeblendet, jetzt wird es mir bewusst, überdeutlich. Es wird in meinem Kopf zu einem gewaltigen Tosen, wie von einem Wetterwind. Sturmwellen schlagen an das Ufer der Kaffeehausinsel, mein Tisch droht weggespült zu werden. Der Kellner bringt das Mineralwasser, jetzt habe ich etwas zum Festhalten. Meine Hände umklammern das Glas. Meine Beine schlingen sich um ein Tischbein, damit der Tisch nicht weggespült wird. Ich schließe die Augen und schreie dem Sturm ein „Nein!“ entgegen. Langsam lässt das Tosen nach; es wird zu einem leisen Zischen im linken Ohr.
Der Kellner fragt einen Gast am Nebentisch: „Sie wünschen?“. Ich höre die Antwort des Gastes nicht, höre nur den Nachhall des Fragesatzes in meinem Kopf: “Wünschen? ... Wünschen? ...“. Was wünsche ich mir eigentlich? Vielleicht wünsche ich mir nur einen wirklich schönen Tag.