Supermarkt

Mitteleuropa, frühes 21. Jahrhundert nach Christus.
Geht man hier und heute einkaufen, muß man eine Entscheidung getroffen haben: Will man gesund verhungern oder sich ungesund ernähren? So formulierte es Christine Nöstlinger sehr treffend.
Offensichtlich hat man sich für Zweiteres entschieden, sonst beträte man jetzt nicht den Supermarkt. Erst zu Obst und Gemüse. Es stehen zur Auswahl: Paprika, die bunt aussehen, von weit her kommen und nach Plastik schmecken. Avocados, aus Israel importiert (Flugware?), steinhart und daher nicht vor einer Nachreifungszeit von fünf Tagen essbar; und Ananas aus Südafrika, noch ziemlich grün, vermutlich stark mit Chemikalien behandelt und bestrahlt; Äpfel, die üblichen drei Sorten, aus Südtirol. Wie lange wurden die in stickstoffgefüllten Silos gelagert? Besser nicht darüber nachdenken, sonst kommt einem der Verdacht, dass die Dinger – abgesehen davon, dass sie auf den mitteleuropäischen Durchschnittsgeschmack abgestimmt sind und daher nach Einheitsbrei schmecken und außerdem nur die Sorten gezüchtet werden, die gut lagerbar sind – keinen einzigen Vitamin mehr haben und zudem neben einer vielbefahrenen Bundesstraße wuchsen. Von den Spritzmitteln gegen Insekten und andere Schädlinge ganz zu schweigen. Außerdem gibt es teils in Plastik eingeschweißte, teils leicht welke teure Salatköpfe aus Spanien, Italien und Österreich. Kein Krümel Erde klebt daran, also wurden sie wahrscheinlich in Glashäusern in Nährlösung hergestellt. Ein paar Produkte sind „bio“, man nimmt davon und wählt ansonsten das geringste Übel. Man legt die österreichischen Salatköpfe ohne Plastik in den Einkaufswagen, lässt die Paprika links liegen und kauft ein Kilo Äpfel aus Südtirol, da der Transportweg zumindest halbwegs vertretbar ist. Französischer Karfiol? Niemals! Können wir unseren Karfiol in Österreich nicht selbst erzeugen? Dieselbe Auswahl hat man schon vor drei Tagen und in der Woche zuvor getroffen, was nutzt einem eigentlich die breite Warenpalette, wenn man sieben Achtel davon aus Gewissensgründen einfach nicht kaufen kann?
Weiter zu den Milchprodukten. Es gibt halbe Liter Milch, ganze Liter, Bergbauernmilch, Biomilch, silagefreie Milch, fettarme Milch, Magermilch, lang haltbare Milch, nach Regionen abgefüllte Milch (zillertaler Milch) und Milch ohne besondere Vorzüge; will man jetzt etwas mehr zahlen und dafür „bio“ konsumieren, oder sind einem die Bergbauern wichtiger? Oder soll man die regionale Landwirtschaft stärken und zillertaler Milch kaufen? Will man auf sein Budget Rücksicht nehmen und die gewöhnliche Milch nehmen, oder ist es einem doch wichtiger, dass die Milch silagefrei schmeckt oder achtet man auf seinen Fettkonsum? Das ist nicht der Fall, aber wenn: Es gibt keine silagefreie fettreduzierte Milch. Von einem halben Liter haltbarer Biobergbauernmilch ohne Silage aus dem Zillertal kann man eh nur träumen. Man stellt fest, dass es einem relativ wurscht ist, was den Kaffee heller macht und sagt sich leise den Auszählreim „Enemenemuh und dran bist du“ vor. Ein Packerl Bergbauernmilch landet im Einkaufswagen. Die aus Deutschland oder Dänemark importierten und in der Werbung als megagesund angepriesenen Joghurts lässt man aus Gewohnheit liegen, schmecken eh alle gleich und sind aromatisiert. Ein halber Liter weißes Joghurt und ein Packerl Butter, beides aus der regionalen Molkerei, scheinen am ehesten konsumierbar zu sein.
Weiter zur Fleischvitrine. Bilder von Massentierhaltung mischen sich mit dem Anblick von superbilligen Schweinskoteletts. Schmecken garantiert nach Antibiotika und Schweinegülle. Was in der Salami drin ist, will man gar nicht so genau wissen, trotzdem ein Blick auf die Inhaltsstoffe – Schweinefleisch (Schlachtabfälle?), Umrötehilfsmittel, E 357 - 514, Farbstoffe, Konservierungsmittel etc.. Unessbar. Schmeckt ja nur nach Pharmazie und Industriehallen. Was tu ich mir aufs Brot? Mit schlechtem Gewissen greift man zum französischen Weißschimmelkäse. Preisgeschmacksverhältnis ok, Transportweg natürlich zu weit, was solls, französischer Weißschimmelkäse ist gut.
Weiter zu den Konserven. In zwanzig Minuten hat man zwanzig Meter entlang der Regale zurückgelegt, im Wagen liegen fünf Artikel. Was soll man kochen? Irgendein Eintopf wird’s wieder mal werden, also – bloß nicht nachdenken! – nimmt man eine Dose Mais als Geschmacks- und Kohlehydratlieferant. Die Dose trägt das Label eines amerikanischen Konsumgüterkonzerns. Kaffee: den billigsten oder den politisch korrektesten? Seufzend wählt man Biofairtradekaffee, denn das letzte Mal nahm man seufzend das Billigzeug; wie scheinheilig man doch ist, einerseits auf den eigenen Heiligenschein und dann doch wieder auf die eigene Geldbörse achtend. An den Tiefkühlprodukten zielstrebig vorbei zur Kasse. Geschafft! Biep, biep, biep, bezahlen, der Kassiererin ein freundliches Lächeln schenken, vielleicht ein paar Worte wechseln. Eine Tragtasche mitzubringen hat man wieder mal vergessen, denkend: „Das ist der Gipfelpunkt der Inkonsequenz!“ verlangt man ein Plastiksackerl und weiß, dass man sich damit in genau das Glashaus begibt, in dem die verschmähten Salatköpfe in ihrer Nährlösung wuchsen. Eifrig Biokohlrabis gegen die Glasscheiben werfend verlässt man den Supermarkt, die Scherben rieseln wie Schneeflocken von der Decke.

(Selbstkritische Anmerkung: Das Thema ist abgedroschen, der Text hätte Mitte der 80er-Jahre als Zeitungsglosse erscheinen können. Nichtsdestrotz aktueller denn je!)