Traktat über Wirtschaftswachstum und Umverteilung

Neulich war ich auf einer Geburtstagsfeier. Dutzende Gäste waren im Garten meines Freundes Valentin versammelt, alle waren fröhlich, alle plauderten und tranken Sekt. Im Hintergrund spielte eine Band, bald tanzten die ersten Paare. Um Mitternacht sollte die Torte serviert werden. Man erwartete sich Großartiges. Man munkelte, es solle sich um eine Schokoladetorte handeln.
Außerhalb des Gartenzauns, im Halbdunkeln, stand eine große Menschenmenge. Stumm und reglos beobachteten diese ungeladenen Zaungäste das Fest. Die Gäste schienen sie nicht zu sehen.
Punkt zwölf legten die Musiker ihre Instrumente beiseite, die Gespräche verstummten. Ein Lieferwagen hielt vor dem Gartentor, die Bodyguards öffneten es und bildeten ein schützendes Spalier. Einige der Zaungäste versuchten, sich an den Bodyguards vorbeizudrängen, sie niederzurennen, sie schlugen auch zu. Vergeblich. Nachdem die ersten von ihnen unter den Schlägen der Gummiknüppel zusammengebrochen waren, gaben die Zaungäste auf. So konnte das Auto ungestört die Einfahrt hinauffahren.
Und dann stand die Torte auf dem festlich gedeckten Tisch, groß, rund und schokoladebraun, alle fünfzig Kerzen brannten. „Hoch soll er leben!“ sangen die Gäste. Schwungvoll blies mein Freund Valentin alle Kerzen aus und griff zum Messer. Er tranchierte ein Drittel aus der Torte heraus. Dann begann er, das Drittel in schmale Segmente zu schneiden und diese zu verteilen. Alle Gäste starrten gierig auf das Drittel, unzufriedenes Gemurmel machte sich breit: „Mein Stück ist zu schmal! Der da hat mehr!“. Irgendwer sagte auch: „Wir brauchen einen größeren Kuchen!“ Vom Gartenzaun her tönten Rufe: „Gebt uns doch auch ein Stück!“ Es bildete sich ein Sprechchor der Zaungäste: „Uns auch ein Stück! Uns auch ein Stück!“ Die Gäste hatten ihre Kuchenstücke bereits aufgegessen, die zwei Drittel der Torte standen unberührt da. Das Geschrei hinter dem Zaun schien niemanden zu stören.
Ein Gast sagte: „Die Torte ist köstlich, kann ich noch ein Stück haben?“ „Nein“, antwortete mein Freund Valentin, „die zwei Drittel gehören dem großen dicken Mann.“ „Aber der ist doch gar nicht da.“ „Das macht nichts, er wird sich seinen Teil schon holen.“
Ein LKW fuhr vor, dann noch einer und noch einer. Soldaten mit Maschinengewehren sprangen heraus und drängten sich durch die wartende Menge. Sie eskortierten drei ordenbehangene Männer zum Gartentor, die Einfahrt hinauf, auf die Terrasse. „Ist einer davon der große dicke Mann?“ hörte ich jemanden flüstern. „Nein“, antwortete mein Freund Valentin ebenso leise, „der große dicke Mann kommt nie persönlich. Niemand hat ihn je gesehen.“ Die drei Männer grüßten Valentin mit einem Nicken und zeigten auf die Torte, das Geburtstagskind machte eine einladende Geste. Die Rufe der Zaungäste wurden flehentlich: „Bitte, bitte, nur ein ganz kleines Stück!“
Die Torte wurde von einigen Soldaten abtransportiert. Vor dem Tor brach einer der ordenbehangenen Männer ein ganz kleines Stück aus der Torte und gab es einem Soldaten. Der warf es in die in die Menge der Zaungäste. Sofort brach eine Schlägerei aus, die Zaungäste prügelten sich um das Stückchen Kuchen. Im Garten wurden nun Rufe laut: „Der Kuchen ist zu klein! Wir brauchen einen größeren Kuchen! Größer! Größer! Größer!“