Traum oder Wirklichkeit bei Vollmond

Der Aufforderung meiner Mutter folgend ging ich ins Bett. Wie immer bei Vollmond, konnte ich nicht einschlafen. Ich versuchte es mit Schäfchenzählen. Bei tausendeinhundertdreiundfünfzig gab ich auf. Meine Eltern waren längst schlafen gegangen. Immer, wenn ich beinahe eingeschlafen wäre, kamen mir schreckliche Bilder: Alte Leute, die ein Sklaventreiber zum Stelzengehen zwang. Menschenfresser, die schon ein Feuer angezündet hatten, um mich zu verzehren, Erdbeben, schreckliche Vulkanausbrüche… so schnell, wie der Spuk in mir angefangen hatte, hörte er auf. Ich schlief ein.
Durch ein unheimliches Geräusch wachte ich auf. Es kam von… ich weiß nicht. Vielleicht war es eine verstimmte Violine, die ein Geist spielte oder nur das Knarren von einem der Fensterländen? Ich weiß es nicht. Es wurde mir deutlich, dass ich mich in einer dunklen Gasse befand. Sie hatte kein Ende, nur in der Ferne sah ich ein Licht blinken. Das Licht flackerte wie eine Kerze. Langsam, wie ein Schlafwandler tappte ich über das Straßenpflaster auf das Licht zu. Die ganze Zeit fragte ich mich: Wo bin ich? Schließlich schrie ich den Satz der mich bewegte heraus: „Wo bin ich?“ Des Satzes Echo kam zurück: „Wo bin ich… wo bin ich… wo bin ich?“ Es wurde zwischen den Häusern, die die Gasse säumten, hin und her geworfen wie ein Gummiball. Das Echo wurde leiser, verlief sich und kam wieder zurück. Es vervielfältigte sich, wurde immer lauter. Schon waren Stunden vorüber, wie es mir schien, und ich ging noch immer dem Licht entgegen, das flackerte und manchmal schier zu verlöschen drohte. Merkwürdig, wie langsam ich vorankam! Wohl Ewigkeiten schleppte ich mich so dahin. Ich war dem Licht ganz nahe – nur noch einige Schritte – jetzt war es geschafft. Mit einem Schrei stürzte ich mich darauf. Juhu – jetzt war es geschafft – ich war beim Licht! Nur – warum freute ich mich so? Was half mir das Licht? Was nun? Das Licht brannte vor sich hin. Es war keine Kerze, keine Glühbirne, kein Kienspan. Es brannte von selbst! Das Licht war heiß – ich merkte es, als ich es berührte. Eine schmerzhafte Brandblase hatte ich mir zugezogen.
Dann wusste ich nichts mehr. Mir wurde schwindlig, ich fiel auf den Boden. Um mich herum wirbelte es Farben, Formen, von denen ich nie geglaubt hatte, dass es sie gab. War ich in eine andere Dimension gelangt? Ich sah eckige Kreise, grünes Orange, brodelnde Flüssigkeiten, in denen sich Schlangen wälzten… Da wachte ich auf. Mit einem Schrei kam ich in die Wirklichkeit zurück. Es war nur ein Traum gewesen. Allein die Brandblase an meinem Finger ließ mich daran zweifeln.