Unheilbar

Fast jedes Kind macht mit ungefähr vier Jahren die Warum-Phase durch.
„Warum?“ fragt das Kind bei allem und jedem.
Die Mutter, der Vater erklärt.
„Warum?“ fragt das Kind noch einmal.
Die Mutter, der Vater erklärt noch einmal.
„Warum?“ fragt das Kind zum dritten Mal.
Der Mutter, der Vater fällt keine Erklärung mehr ein. So geht das den ganzen Tag, wochenlang, bis die Mutter, der Vater auf das dritte „Warum?“ nur noch entnervt schreit: „Darum!“
Der Wissensdrang des Kindes ist wichtig für die Entwicklung, dass die Mutter, der Vater irgendwann genervt reagieren, ist allerdings auch verständlich. Sind die Eltern weniger geduldig und reagieren bereits auf das zweite „Warum?“ mit Prügeln, wird das Kind nicht mehr fragen, es wird verstummen, eventuell fürs ganze Leben. In meiner Kindheit gab es viel Raum für „Warum?“, meine Mutter gab mir viele Erklärungen (mein Vater war abwesend), nur selten musste ich mich mit einem „Darum!“ abfinden. Das ist wohl ein Grund dafür, dass ich bis heute nie aufgehört habe, immer wieder zu fragen: „Warum?“ Ich habe eine unheilbare Krankheit – die chronische Warumitis.1

1In den letzten Jahren kommt zu der Frage „Warum?“ immer öfter die Frage: „Wozu?“. „Warum?“ fragt nach den Gründen, bezieht sich also auf die Vergangenheit. „Wozu?“ ist die Frage nach dem Zweck, verweist also auf die Zukunft. Beide Fragen haben ihre Berechtigung, ergänzen sich, nur ist die Zukunft wichtiger als die Vergangenheit. Insofern empfinde ich es als Fortschritt, dass ich jetzt auch öfter frage: „Wozu?“