Vom Sinn des Lebens (I)

Gibt es etwas Schöneres als dieses zart nagende Hungergefühl? Man darf überlegen, was man jetzt essen will. Man muß entscheiden, was man jetzt essen will. Der Weg zum Supermarkt steht einem jederzeit offen. Der Kühlschrank ist voll. Eiscreme, Schinken und Essiggurken, knuspriges Brot; Ananasdosen, Schokoladekeks, Tiefkühlpizza, Ravioli in Plastikfolie, Äpfel – im Überfluß, und nichtmal teuer.
Gibt es etwas Schöneres als dieses leichte Kribbeln auf der Zunge, diese Lust auf eine Nascherei? Eine Schwedenbombe, oder ein Punschkrapferl. Oder eine Leberkässemmel zwischendurch, mit viel Senf.
Kochbücher sind meine Lieblingslektüre.
„Makrobiotische Küche für Anfänger“
„Italienische Spezialitäten, leicht gemacht“
„Die original chinesische Küche“
„Die traditionelle Südtiroler Küche“
„365 aufregende Menüs für Genießer“ – gut einen Laufmeter besitze ich davon.
Essen ist auch mein liebstes Gesprächsthema. Mit meinen Freundinnen rede ich stundenlang nur über das Eine – über das Essen. Über Speisefolgen, Zubereitungsarten, Geschmackskombinationen, aber – natürlich – auch über Kalorien, Ab- und Zunehmen, die neueste Diät aus „Welt der Frau“. Und neben dem Laufmeter Kochbücher stehen zwei Laufmeter Diätratgeber, Kalorientabellen, „Schlank werden – schlank bleiben“-Broschüren. So pendelt mein Leben zwischen zwei Extremen – extremes Fressen und extremes Fasten. Deshalb pendelt mein Körpergewicht von „absolut fettleibig“ und zurück zu „leicht übergewichtig“. Mein Mann dagegen macht nur beim Essen mit. Anstelle der Diäten hat er eine andere Lösung gefunden.
Das Ritual läuft jeden Abend gleich ab. Er kommt nach Hause und fragt: „Was gibt es zum Abendessen, Schatz?“ Ich habe den ganzen Tag mit der Zubereitung des Essens verbracht: Vormittags Gemüse putzen und schneiden, vorbestelltes Fleisch vom Metzger holen, schneiden (nur ich mache das richtig!) und würzen, Nudelteig kneten, Knödel formen, bunte Salate zusammenmischen, Füllungen und Cremes zubereiten, am Nachmittag dann braten, kochen, backen, füllen, dressieren, kosten, abschmecken, garnieren.
Heute gibt es zum Beispiel knackige Blattsalate mit in Olivenöl frittierten Parmesancroutons und Crevetten, dazu Karottenchips. Danach folgt eine zarte Hühnerboullion auf chinesische Art mit Sojabohnensprossen und anderem chinesischem Gemüse, dessen Namen ich vergessen habe, dazu Frühlingsröllchen mit Erdnußsauce. Es folgt ein Trüffelsoufflé mit Topinambur, danach kastaniengefüllter Truthahn auf Weißwein-Dill-Sauce, als Beilage Fenchel und Kürbisgemüse mit Sauerrahm. Zum Dessert habe ich ein Rezept aus „Frau im Spiegel“ probiert: Melonenhalbgefrorenes auf Himbeersauce. Zum Kaffee gibt es noch Kekse und Konfekt. Danach hole ich das Tablett mit dem Madeira und reiche meinem Mann die Obstschüssel. Die Birnen, die Orangen und die Trauben glänzen appetitlich. Er aber steht auf und taumelt zum Klo. Gleich darauf höre ich das vertraute Würgen und Plätschern, das einige Minuten dauert. Danach das Rauschen der Spülung und das Tritscheltratschel des Wassers im Waschbecken – er wäscht sich immer danach die Hände und spült sich den Mund aus. Erleichtert, fast tänzelnd kommt er zurück. Er lächelt mir zu und hebt mich aus dem Sessel. Vorsichtig trägt er mich ins Bett und deckt mich zu. Kurz darauf liegt er schnarchend neben mir. Ich nehme noch eine Schlaftablette aus dem Nachttischchen und spüle sie mit dem bereitgestellten Wasser hinunter.
Dann döse auch ich ein.