Der Wolf in mir

In mir lebt ein Wolf.
Meist schläft er, aber ungefähr zweimal pro Woche wacht er auf und randaliert und heult in mir. An diesen Tagen kann ich nicht schlafen, nicht essen, nicht denken, nicht lesen, nicht reden, nicht arbeiten, mich nicht bewegen. Ich versuche dann, all diese Dinge dennoch zu tun, es sieht dann so aus, als würde ich lesen, ich arbeite halbwegs, ich versuche mich zu bewegen. Dieses So-tun-als-ob ist unglaublich anstrengend. Und irgendwann, nach Stunden des Kampfes mit dem wildwütenden Wolf, schlafe ich doch ein.

Wenn der Wolf heult, will ich gar nichts mehr. Doch, eines: Dass das aufhört, aufhört, endlich aufhört! Es hört aber nicht auf, stundenlang. Ich weiß nie im Vorhinein, wann der Wolf aufwacht. Das macht es mir schwer, mein Leben einzurichten, jede Planung kommt dadurch ins Wanken. Wenn ich einen Termin vereinbaren muss, mit einem Amt, einem Arzt, bekomme ich Angst: Wird mich der Wolf daran hindern, den Termin wahrzunehmen? Werde ich mich trotz Wolf hinschleppen? Woher nehme ich dafür die Kraft? Wird der Wolf nächste Woche am Dienstag um 15.30, am Donnerstag um 17.15, am Freitag um 14.00 Uhr wach sein oder schlafen? Dasselbe gilt für Treffen mit meinen Freunden. Dauernd habe ich Angst vor dem Wolf. Ich bin arbeitslos. Ich habe in den letzten Jahren versucht, trotz Wolf zu arbeiten, aber erfolglos. Unter diesen Umständen kann ich nicht arbeiten.
Wenn der Wolf heult, übertönt das alles. Die ganze Welt versinkt in diesem Heulen. Ich werde nervös und konzentrationsunfähig. Der Wolf frisst mein Leben auf.

Der Wolf hat einen Namen. Er heißt Hunger. Ich habe Hunger, Hunger, Hunger. Ich hungere vor überquellenden Töpfen, es ist absurd. Fast eine Milliarde Menschen hat realen Hunger. Mein Wolfshunger wohnt in meinem Kopf, in meiner Seele. Essen hilft nicht gegen diesen Hunger, überhaupt nicht. Im Gegenteil, der Wolf wacht oft nach dem Essen auf. Das ist das Schlimmste: Meine Seelenkrisen werden dadurch ausgelöst, dass ich versuche, ein Grundbedürfnis zu stillen. Deshalb habe ich mittlerweile riesige Angst vor Essen. Mich hungert nach etwas anderem als Essen, und ich weiß nicht, was es ist.

Es gibt Schlafmittel für den Wolf. Aber diese Schlafmittel haben starke Nebenwirkungen. Ein Schlafmittel für den Wolf war Praxiten, ein Beruhigungsmittel, das abhängig macht. Eine Zeitlang schien das die Lösung zu sein. Schien, denn bald war ich süchtig nach diesen Tabletten. Es war schwer, davon wieder los zu kommen.
Das zweite Schlafmittel für den Wolf ist Alkohol. Wenn der Wolf Wein zu trinken bekommt, beruhigt er sich schnell. Aber ich will nicht mehr saufen, denn der Preis für die momentane Erleichterung ist ein Kater am nächsten Tag. Kater statt Wolf, das ist kein Fortschritt. Dennoch fällt es mir manchmal schwer, wenn der Wolf lange und laut heult, nicht zur Weinflasche zu greifen. Selten, aber doch brennt die Sicherung durch und ich saufe wieder. Was den Wolf nur vorübergehend betäubt.

Was auch hilft: dem Heulen des Wolfes mein eigenes Heulen entgegensetzen. Wörtlich: Wenn ich weine, wird der Wolf still. Aber ich kann nicht auf Knopfdruck in Tränen ausbrechen, das ist ein großes Problem. Außerdem gibt es viele Situationen, in denen Weinen so unangebracht ist, dass ich mir damit sehr schaden würde. In der Arbeit zum Beispiel.
Relativ erträglich ist der Wolf, wenn ich in meinem Bett liege und die Augen zumache. Manchmal hilft es, wenn ich mich auf den Ergometer setze und zehn Kilometer „radle“. Aber auch das sind keine alltagstauglichen Lösungen.

Ich könnte mich töten, dann ist der Wolf auch tot. Kann ich umgekehrt den Wolf töten, ohne selbst zu sterben? Wie? Vielleicht kann ich den Wolf zähmen, vielleicht verjagen. Nur wie. Und wie soll ich sonst leben.