Zeitunglesen

Zeitunglesen bringt nur Ärger. Das hat sich neulich wieder bestätigt. Ich las einen Bericht im „Standard“, Titel: „Ich lebe am Limit“1. Eine Pflegeassistentin erzählt von ihrem Alltag. Sie verdient 1.440 Euro netto – ich finde nicht, dass das wenig ist. Aus dem Text geht hervor, dass sie einen 30-Stunden-Job hat. 1.440 Euro für 30 Stunden – das ist wirklich nicht schlecht bezahlt. Die junge Frau – sie ist 28 – erklärt dennoch ernsthaft, wie schwer ihr Leben mit diesem Gehalt ist. Naja, wenn ihr das zu wenig ist – gibt es irgendeinen Grund, warum eine gesunde junge Frau nicht Vollzeit arbeitet? Warum druckt der „Standard“ das auch noch? Ich lebe seit Jahren von deutlich weniger Geld. Derzeit liegt mein Einkommen wieder mal unter dem Existenzminimum, ich existiere also nicht. In meinem letzten Job habe ich 1.400 Euro für 39 Stunden bekommen – als Akademikerin (leider hatte ich den Job nicht lange). Gut, ich kann nicht sagen, dass ich beruflich sehr erfolgreich wäre. Aber gejammert habe ich nicht, ich habe mich gefühlt wie ein Krösus. Davor hatte ich nämlich deutlich weniger (ohne zu jammern). Ich verstehe auch nicht, warum (alleinstehende) Mindestsicherungsbezieher in Tirol jammern – ich finde 647,28 Euro pro Monat nicht wenig, so viel hatte ich nicht immer in den letzten Jahren. Ich hatte nur keine Lust, Mindestsicherung zu beantragen, es ging auch so.
Aber zurück zum „Standard“-Artikel: Zum Thema Arbeitssuche sagt sie: „Nach wenigen Tagen hatte ich vier mögliche Jobs“ – beneidenswert! War denn wirklich keine Vollzeitstelle dabei? Sie arbeitet 30 Stunden pro Woche und klagt über Stress. Na, den haben andere auch, aber nicht so viel Zeit zum Ausruhen. „Ich bin in einer Welt aufgewachsen, in der zunächst jeder Groschen, später dann jeder Cent umgedreht wurde.“ Ein Unterschichtskind also. „Mit 15 habe ich begonnen neben der Schule zu arbeiten.“ Sie hat mehr als nur den Pflichtschulabschluss. Ein aufstrebendes Unterschichtskind also – sehr tüchtig, ernsthaft!
Dann zählt sie auf, wofür sie ihr Geld braucht: „Für meine Mietwohnung und den Umzug, sowie die Erstausstattung für das Baby habe ich einen Kredit aufgenommen. Monatlich zahle ich dafür 128 Euro.“ Hat sie bedacht, dass es Second-Hand-Möbelgeschäfte gibt? Wenn sie alles neu gekauft hat, hält sich mein Mitleid in Grenzen. Klar, es kann sein, dass sie Maklergebühren zahlen musste. Es ist absurd, dass man als Mieter zwei Monatsmieten für (fast) keine Leistung zahlen muss, die man noch dazu nicht selbst in Auftrag gegeben hat. In Deutschland gilt seit 2015 das „Bestellerprinzip“: Der Auftraggeber, also (meist) der Vermieter zahlt, der Mieter nicht. Die deutschen Makler jammern, ich finde das richtig, das sollte dringend auch in Österreich eingeführt werden. Nebenbei: Wenn ein Sozialhilfeempfänger eine neue Wohnung braucht, bezahlt das Sozialamt die Maklerprovision – der Staat subventioniert also eine ganze Berufsgruppe, deren Leistung und Notwendigkeit für mich sehr fragwürdig ist. Aaaaaahh!!!
Erstausstattung fürs Baby – ja, sie ist schwanger. Die Erstausstattung für mich haben meine Eltern ohne Kredit angeschafft, und sie waren nicht reich. Babykleidung bekommt man im Second-Hand-Laden oder von Verwandten. Meine Mutter hat einen alten Vorhang zum Babytragetuch umfunktioniert, das hat keinen Groschen gekostet. Vor ein paar Wochen hat mich eine Bettlerin angesprochen, sie brauche Geld für Pampers und Babynahrung. Ich habe ihr gesagt, dass Stoffwindeln billiger sind und dass man Babynahrung auch selbst machen kann, meine Mutter hat für mich Gemüse püriert, das hat weniger gekostet als Hipp-Gläser. (Gegeben habe ich der Bettlerin dennoch etwas.) Kosten für den Umzug – hat die junge Frau denn keine Freunde, die ihr tragen helfen? Doch, Freunde hat sie, das sagt sie wenig später. Haben diese Freunde denn keine Hände? „Meine Miete liegt bei 600 Euro.“ Ich geb’s ja zu, ich zahle deutlich weniger, aber selbst wenn man das gegenrechnet, hat diese Frau mehr Geld als ich. (Natürlich ist es eine Sauerei, dass die meisten Menschen ein Drittel bis die Hälfte ihres Einkommens für Miete ausgeben müssen.) Nebenbei: Bekommt sie wirklich keine Mietzinsbeihilfe oder lässt sie das unter den Tisch fallen?
„Dazu kommen noch 20 Euro für mein Handy und 30 Euro für Internet und Fernsehen.“ Klar, man will kommunizieren und sich informieren. Das tue ich auch. Wofür man einen Fernseher braucht, habe ich noch nie verstanden, aber die allermeisten sehen das anders.
„Meine Fixkosten belaufen sich im Monat also auf etwa 840 Euro.“ Na, da bleibt ja noch einiges übrig, wo ist das Problem? „Für Lebensmittel gebe ich im Monat etwa 300 Euro aus.“ Das erscheint mir wenig. Vielleicht isst sie wenig. „Ich nütze die Öffis oder gehe zu Fuß – für die Jahreskarte zahle ich pro Monat 32 Euro.“ Das ist ja nicht viel. Das sollte man sich bei einem Einkommen von 1.440 Euro leisten können – das sind gerade mal 2,22 %. Die junge Frau lebt in Wien, da braucht man kein Auto. (Wobei für mich fraglich ist, wer überhaupt ein Auto braucht. Unter anderem, weil für mich fraglich ist, was „brauchen“ heißt. Ich habe den Verdacht, dass viele Leute sagen: „Das brauche ich“, wenn sie meinen: „Das will ich haben.“) „Mit dem Baby auf dem Weg und einem Hund komme ich um eine Haushaltsversicherung nicht herum.“ Schwangere brauchen eine Haushaltsversicherung? Interessant. Meine Mutter überstand ihre Schwangerschaft ohne Haushaltsversicherung. War sie eine Rabenmutter? Einen Hund hatten wir später auch – ohne Versicherung. Private Versicherungen sind meines Erachtens lediglich Geschäftemacherei mit den Ängsten der Menschen. „In meiner Freizeit lese ich sehr viel und gehe auch gerne Schwimmen.“ Das mache ich auch. „Monatlich gebe ich dafür gut 50 Euro aus.“ So viel gebe ich dafür nicht aus. Schwimmen ist erstaunlich teuer, das ist richtig, es gibt aber halbwegs erschwingliche Zehnerblocks. Bücher gibt es (fast) kostenlos in der Bücherei. Man muss nicht jedes Buch besitzen. „Für die Pensionsvorsorge lege ich 50 Euro zur Seite.“ Eine private Pensionsversicherung?! Was für eine Geldverschwendung! Leider fallen viele auf diesen Unsinn herein. Sollten schlechte Zeiten kommen, sind diese Versicherungen als erstes pleite.
„Alles, was dann noch übrig bleibt, nütze ich für Dinge wie Kinobesuche, Geschenke und für mein Sparkonto.“ Diese Frau hat alles, was man braucht: Wohnung, Mobilität, Kommunikation, Information, Geld für Freizeitgestaltung, kann sich einen Hund leisten, und es bleibt ihr sogar noch etwas übrig. Noch einmal: Wo ist das Problem?
„Und als es jetzt kälter wurde und ich dringend eine dicke Jacke und warme Umstandsmode brauchte, haben Kollegen 300 Euro für mich zusammengelegt. In dem Moment haben mir die Worte gefehlt.“ Na, die fehlen mir auch beinahe. Wie ist es möglich, dass man sich bei einem Einkommen von 1.440 Euro monatlich keine Winterjacke leisten kann?
1.440 Euro monatlich. Wow. Lasst mich bitte bitte am Limit leben!

Ich ärgere mich und blättere weiter zum Wirtschaftsteil. Dort lese ich: „Der chinesische Investor Fosun will den Vorarlberger Wäschekonzern Wolford mit Sitz in Bregenz übernehmen.“2 Was, Wolford wird chinesisch?!
Letzten Herbst habe ich festgestellt, dass ich keine Strumpfhosen mehr habe. Die letzten, die ich hatte (von meiner Oma „geerbt“), waren nach dem letzten Winter an den Sohlen so verbraucht, dass sich flicken nicht mehr lohnte (ohnedies macht flicken ohne l mehr Spaß als flicken mit l). Außerdem war die eine mausgrau, die andere durchfallbraun, und ich präferiere schwarze Strumpfhosen.
Am ersten nasskalten Oktobertag musste ich im Freien arbeiten. Ich hatte die Wahl: Entweder, ich friere, oder ich kaufe mir eine Strumpfhose. Auf zum nächsten Textildiskonter (ein anderes Bekleidungsgeschäft gab es weit und breit nicht), dort führte man Wollstrumpfhosen, made in Turkey.
Die Türkei ist immerhin nicht Südostasien, habe ich mich getröstet, die Türkei ist ein Schwellenland, die Arbeitsbedingungen sind dort sicher nicht ganz so schlecht. Geglaubt habe ich mir das nicht, weiß ich doch, dass Textilarbeiterinnen in Bulgarien (einem EU-Land!) 400 Euro verdienen, gekauft habe ich die Strumpfhose dennoch, für 4,90 Euro.
Da der Winter lang ist und ich meine Strumpfhosen ab und zu waschen will, brauchte ich eine zweite. Ich hasse Einkaufen, aber manchmal geht es nicht anders. Auf zum Weltladen, „Haben Sie Strumpfhosen?“ Nein. Zum nächsten Fairtrade-Laden – nichts. Leggings hätte es gegeben, Leggings und warme Socken ergeben zusammen fast eine Strumpfhose – „Hab dich nicht so“, sagte ich zu mir, „kein Mann trägt Strumpfhosen. Alle Männer tragen lange Unterhosen. Wo ist denn da der Unterschied?“ Das hat nicht genützt, ich wollte weiterhin eine Strumpfhose und keinen Strumpfhosenersatz, keine Leggings, keine langen Unterhosen. Ich bin kein Mann. Und wenn ich einer wäre, würde ich dennoch Strumpfhosen tragen wollen. Zum Alternativschuhladen, die haben auch Textilien – nichts. Im Internet – nichts.
Ich klagte meinem Psychotherapeuten mein Leid. Er gab mir einen guter Rat: „In der Altstadt gibt’s den Wolford. Alles in Österreich erzeugt!“ Eindeutig: Der Mann ist gut. Also auf zu Wolford, tatsächlich, da steht überall „made in Austria“ drauf. Wo die Wolle herkommt, wie sie erzeugt wird? Besser nicht darüber nachdenken. Der Preis: 75 Euro. Ich musste den Ankauf ein paar Tage verschieben, bis ich den Lohn für September endlich bekommen hatte und mir die Strumpfhose leisten konnte (es war höchste Zeit, die andere war überreif für die Waschmaschine). Aber dann, hurra, habe ich die Strumpfhose gekauft. Made in Austria. Und jetzt lese ich in der Zeitung, dass Wolford von einem chinesischen Investor aufgekauft wird. Aaaaah!

Ich blättere weiter zum Wissenschaftsteil. „Im Grazer Science Park werden Start-ups von der Idee bis auf den Markt begleitet. Mittlerweile zählt die Steiermark zu den Entwicklungshochburgen Europas.“ lese ich. Na toll. „Seit 15 Jahren begleitet das Forschungszentrum Jungunternehmen im Hightechbereich von der Idee bis zum Markteintritt.“ Noch toller. „Bisher sind aus dem von der TU Graz, der Karl-Franzens-Universität und der medizinischen Universität betriebenen Zentrum ‚weit über hundert Firmen‘ hervorgegangen“. Aha. Und was machen diese Firmen? Da gibt es zum Beispiel „Sunnybag, die Taschen mit integrierten Solarpaneelen zum Aufladen von Smartphones verkaufen.“ Klar, es wäre ja eine Katastrophe, wenn mal der Akku vom Smartphone ausgehen würde, das Ding ist ja für viele eine schnurlose Nabelschnur. Was tut man als Handymaniac mit leerem Akku an einem bewölkten Tag oder nachts? Dieses weltbewegende Problem bleibt ungelöst. Aber im Hinblick auf den Klimawandel bin ich tief beeindruckt: Was sich damit an Strom einsparen lässt, unglaublich! Damit retten wir garantiert die Welt! Haha.
Ein weiteres Beispiel: „Das steirische Start-up Drone Rescue Systems entwickelte einen Fallschirm für in Not geratene Drohnen.“ Drohnen. Ein Luxusspielzeug für Leute mit zu viel Zeit und Geld. „Damit kann man so tolle Fotos machen.“ Wichtig auch für die Kriegsführung, und, wie konnte ich das vergessen, für die Wissenschaft. Allein die Formulierung „in Not geraten“ macht mich wütend. In Not geraten können Menschen, Maschinen werden kaputt, Drohnen werden kaputt, wenn sie abstürzen oder umgekehrt.
Der Yuppie von heute braucht für seine Drohne also einen Fallschirm. Haha.
Wie viel besser hätte man all die Zeit, das Geld und die Energie verwenden können, die für diese Erfindungen aufgewendet wurden! Verhungert dadurch ein Kind weniger, stirbt ein Mensch weniger an Aids, steigt die Alphabetisierungsrate, schmelzen die Polkappen langsamer, wird der Welthandel gerechter? Nein. Diese Erfindungen sind dekadenter Unsinn.
Ich werfe die Zeitung zum Altpapier. Zeitunglesen bringt nur Ärger.

1"‘Ich lebe am Limit‘: Wie viel eine Pflegeassistentin verdient“, Der Standard, 12. 12. 2017
2„Chinesische Fosun will Bregenzer Wolford übernehmen“, Der Standard, 01. 03. 2018
3„Wo Start-ups am laufenden Band entwickelt werden“, Der Standard, 17. 02. 2018